Sport : Ein König in der Provinz

1978 führte Vlado Stenzel die Handballer zum WM-Titel – jetzt trainiert er ein viertklassiges Frauen-Team

Daniel Meuren[Mainz]

Zauber liegt nicht gerade in der Luft der kühlen Trainingshalle. Der von Neonlicht beleuchtete Raum verbreitet die Tristesse eines Zweckbaus. Daran kann auch Vlado Stenzel nichts ändern, obwohl er einst „Magier“ genannt wurde. Doch der 5. Februar 1978, der Tag, an dem Stenzel den deutschen Handball zum bislang einzigen Weltmeistertitel führte, ist lang her. Hier in der Halle der Oberliga-Handballerinnen des FSV Mainz 05 versprüht Stenzel lediglich den Charme eines 71 Jahre alten Gentleman. Der Kroate kommt gemütlich daher, verteilt vor dem Beginn der Übungsstunde Äpfel an seine Spielerinnen, bewegt seinen beleibten Körper im gemütlichen Gang durch die Halle und lockert die Stimmung auf. „Haben Lust auf Handball?“, fragt er, unverkennbar gefärbt von seinem kroatischen Akzent, in die Runde.

Stenzel hat trotz vieler Jahrzehnte im Profisport die fast kindliche Begeisterung nicht verloren. Sobald die eigentliche Trainingsarbeit beginnt, stiert er neugierig auf jede handballerische Regung seiner Spielerinnen. Ihm scheint es egal, ob er wie einst Weltklassespieler oder gerade einmal die besten Handballspielerinnen von Mainz trainiert. Mit manch ausschweifender Geste weckt Stenzel Erinnerungen an seine großen Jahre. Damals, als er neben dem Weltmeistertitel mit Deutschland noch olympisches Gold mit Jugoslawien gewann, war er der große Zampano. Damals, als seine Mannschaft mit Spielern wie Joachim Deckarm oder dem heutigen Bundestrainer Heiner Brand das WM-Endspiel gegen die Sowjetunion in der dänischen Hauptstadt überraschend mit 20:19 gewann.

27 Jahre später und mehr als ein Jahrzehnt nach dem letzten Engagement in der Bundesliga übt Stenzel Handball mit 15 Amateur-Spielerinnen. „Mir macht es einfach Spaß, mit den jungen Frauen zu arbeiten“, sagt er zu den Beweggründen für sein Engagement in der Viertklassigkeit. „Außerdem ist das eine ganz neue Herausforderung für mich, einmal Frauen zu trainieren. Das habe ich noch nicht gemacht.“ Eine neue Erfahrung dürfte es für Stenzel auch sein, dass ihm eine Mannschaft anvertraut ist, in der viele vor der ersten Übungseinheit nicht einmal seinen Namen kannten. „Mir hat er gar nichts gesagt, als er uns vorgestellt wurde“, sagt die 19 Jahre alte Mainzer Spielerin Nicole Urban. „Ich war ja damals noch lange nicht geboren, als er Weltmeister wurde.“ Umso interessanter ist das Urteil, das die der Handballgeschichte wenig kundigen Spielerinnen über ihren Übungsleiter fällen. „Ich habe befürchtet, dass wir jetzt ein richtig kompliziertes Training machen, das mich überfordert“, sagt Eva Federhenn. „Aber das Gegenteil ist der Fall. Es ist viel einfacher als bei vorherigen Trainern.“

Das Einfache scheint also die Kunst der Großen zu sein. Immer wieder lässt Stenzel grundlegende Abläufe wie den Tempogegenstoß oder Positionswürfe üben, immer wieder hält er den Ball an und gibt Hinweise. „Vlado ist mit Riesenengagement bei der Sache“, sagt Karl-Heinz Elsässer, der als Vorstandsmitglied den Deal eingefädelt hat. Er war so mutig, den im benachbarten Wiesbaden wohnenden und in einem Jugendförderungsprojekt involvierten Startrainer einfach anzusprechen. „Zu unserer großen Überraschung hat er ein paar Wochen später zugesagt.“

Das finanzielle Potenzial des FSV Mainz 05, der ja immerhin auch Fußball-Bundesligist ist, so versichern alle Beteiligten, habe übrigens bei der prominenten Verpflichtung keine Rolle gespielt. Bei einer Männermannschaft gleicher Spielklasse könnte Stenzel demnach deutlich mehr verdienen. Also muss es etwas anderes sein, was Stenzel zu einem Engagement treibt, das seinen Ruf nach Ansicht von Kritikern zerstört. „Mir sind solche Meinungen absolut egal“, behauptet er. „Ich beschäftige mich einfach gerne unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten mit Handball. Und diese Arbeit hier mit reinsten Amateuren finde ich eben besonders interessant.“ Dabei gibt sich Stenzel nicht damit zufrieden, in den Niederungen des Handballs seinen Namen als idealistischer Forscher spazieren zu tragen. „Wenn ich eine solche Aufgabe annehme, dann möchte ich das Beste herausholen. Das dauert aber seine Zeit.“

Auf drei Jahre ist das Engagement angelegt, kurzfristig betrachtet hat Stenzel der Mannschaft sportlich aber geschadet. Nach zuletzt vier Niederlagen in Folge steht sein Team mit 7:9 Punkten im Mittelfeld. Vor allem, weil die Motivation der gegnerischen Trainer enorm sein soll. „Die Gegnerinnen kennen Vlado ja meist auch nicht. Aber die Trainer sind oft übermotiviert und wollen es ihm zeigen. Die schreien aufs Feld, als ob es um die Weltmeisterschaft geht“, sagt Elsässer. Darum, das weiß Stenzel so gut wie kaum ein anderer, geht es in der Oberliga in der Tat nicht. Stattdessen hat er die Gelegenheit, seine Sucht nach dem Sport zu stillen, der sein Leben bestimmt hat. „Müssen weiter spielen Handball“, ruft er seinen Spielerinnen während des Trainings zu, als sie einen Tempogegenstoß zu langsam vortragen. Der Satz gilt auch für Stenzel selbst.

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