Sport : Ein Land kommt zur Besinnung

Erst jetzt wird der Türkei bewusst, welchen Schaden das Skandalspiel angerichtet hat

Thomas Seibert[Istanbul]

Die erste Wut ist verflogen, jetzt wird der Blick klarer. Nachdem die türkische Öffentlichkeit die Schuld für das WM-Aus und die Schlägereien in Istanbul nach dem WM-Qualifikationsspiel gegen die Schweiz bisher fast ausschließlich bei den Schiedsrichtern und bei den angeblichen Provokationen der Schweizer gesucht hat, setzt inzwischen bei einigen Ernüchterung ein. Türkische Empörung gibt es aber immer noch: über die Strafandrohung von Fifa-Präsident Joseph Blatter.

Der Schweizer hatte mit einem Ausschluss der Türken von der Qualifikation für die WM 2010 gedroht. Die Fifa hat einen umfangreichen Strafenkatalog für Ausschreitungen (siehe Kasten), über die Strafen wird aber noch beraten.

Als „Hooligan“ wurde Blatter am Freitag in der türkischen Presse beschimpft, weil er die Schlägereien in Istanbul kommentiert und harte Strafen für die Türken angedroht hatte, ohne die Untersuchungsberichte der nach Istanbul entsandten Fifa-Experten abzuwarten. Von einer „außergerichtlichen Hinrichtung“ war in Zeitungen die Rede. Stürmer Hakan Sükür, der nach dem Spiel am Mittwoch seinen Abschied von der Nationalelf erklärt hatte, beschwerte sich, die Fifa messe mit zweierlei Maß: Gesprochen werde immer nur über die Zwischenfälle in Istanbul, nicht aber über die Pfiffe der Schweizer Zuschauer gegen die Türken beim Hinspiel in Bern. Auch der Mittelfeldspieler Emre Belözoglu, der an der Prügelei beteiligt gewesen sein soll, sprach von „Spielchen“, die im Ausland mit der Türkei getrieben würden.

Diese Art von Verschwörungstheorien hatte in den vergangenen Tagen die Reaktionen in der Türkei bestimmt. Inzwischen aber wandelt sich das Bild. Einige Zeitungen druckten am Donnerstag Fotos ab, aus denen hervorging, dass der türkische Assistenztrainer Mehmet Özdilek – und nicht etwa ein Schweizer Spieler – nach dem Abpfiff die ersten Tritte ausgeteilt hatte (siehe Fotos oben). Noch am Donnerstag war Özdilek als Opfer dargestellt worden, jetzt gilt er als Täter. Die Zeitung „Vatan“ räumte ein, dass die Redaktion lange diskutiert habe, ob sie für die Türkei negative Bilder veröffentlichen solle. Damit kommt eine Selbstzensur der Medien ans Licht, die im Nachhinein mit Patriotismus begründet wird: Um dem Land nicht zu schaden, würden einige Fakten bewusst verschwiegen, berichtete ein Kolumnist der Zeitung „Hürriyet“. So bleibt in der türkischen Öffentlichkeit bisher der Vorwurf unerwähnt, dass Kameraleute im Stadion von Sicherheitskräften an der Berichterstattung über die Schlägerei gehindert wurden.

Nach und nach wird nun das öffentliche Schweigen gebrochen. Sogar der bislang verehrte Nationaltrainer Fatih Terim gerät in die Kritik. Der Trainer habe nach dem Abpfiff seinen Spielern den Befehl zum Zuschlagen gegeben, berichtete die Zeitung „Radikal“. Sportkommentatoren gaben Terim zudem die Schuld am schlechten Abwehrverhalten der Türken in den beiden Spielen gegen die Schweiz.

Auch die türkische Regierung in Ankara rügt inzwischen das Verhalten der Verbandsspitze und der Fans. Der für den Sport zuständige Vize-Ministerpräsident Mehmet Ali Sahin kritisierte, die Organisation des Spiels sei ungenügend, und das Niederpfeifen der Schweizer Nationalhymne unsportlich gewesen. Der AC Mailand, der kommende Woche in der Champions League gegen Fenerbahce spielen soll, verlangte vom europäischen Fußballverband Uefa zusätzliche Sicherheitsgarantien – schließlich soll die Begegnung im selben Stadion stattfinden, in dem die Schweizer Spieler verprügelt wurden.

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