Sport : Ein Lautsprecher wird leise

Tim Wiese wundert sich selbst über seine Patzer

Frank Hellmann

Glasgow - Tim Wiese ist einiges gewohnt. Wenn der Bremer Torwart heute den Rasen des Gottlieb-Daimler-Stadions zum Warmmachen betritt, wird er sich wohl vom Anhang des VfB Stuttgart anhören müssen, dass er wahlweise eine Frau sei oder die Haare schön habe. Normalerweise perlen die Schmähgesänge am 26-Jährigen ab wie Regentropfen an der gestylten Frisur. Aber nun?

41 Stunden nach dem Abpfiff des nach zwei fatalen Wiese-Fehlern mit 0:2 verlorenen Uefa-Cup-Achtelfinals bei den Glasgow Rangers muss der Torwart mit Werder beim Deutschen Meister antreten. „Den Tim“, hatte Trainer Thomas Schaaf noch in Glasgow gesagt, „lassen wir erst mal in Ruhe.“ Jeder, der mal Fußball gespielt habe, wisse, wie Wiese sich fühle. „Das wirft ihm hier aber keiner vor und keiner verdammt ihn“, sagte Schaaf. „Ich weiß nicht, warum solche Fehler passieren, aber leider passieren sie.“

Wieses Geschichte wiederholt sich: Fast auf den Tag genau vor zwei Jahren glitt dem Schlussmann mit dem Hang zur Selbstdarstellung im Champions-League- Achtelfinale bei Juventus Turin der Ball aus den Händen. Damals war es eine überflüssige Hechtrolle, diesmal ließ Wiese einen Weitschuss von Daniel Cousin passieren. Zwei Minuten nach der Pause boxte der Tormann, der sich längst für gut genug hält, auch im Nationalteam die Bälle zu halten, im Stile eines Volleyballers einen zweiten Cousin-Schuss nach vorne. Steven Davis drückte die Kugel über die Linie, es stand 2:0 für die Rangers.

Nach dem Spiel versuchte der oft so lautstarke Wiese mit leise artikulierten Worten zu erläutern, was sich ereignet hatte: „Das Ding flattert ganz schön, er flutscht mir durch die Finger, ich dachte, er ditscht auf die Latte, doch dann ist er drin.“ Pause. Dumm gelaufen. Dann schwadronierte Wiese über das unbekannte schottische Flugobjekt, für ihn sei das eine Scheiß-Pille, die komisch fliegt. Immer wieder entfuhr ihm im Stakkato der Erklärungsversuche das S-Wort, seine Stimme stockte. Man merkte: Diesen Fehler steckt er nicht so einfach weg. Wo er sich doch im Februar mit drei gehaltenen Elfmetern binnen vier Tagen in aller Munde gebracht und als Kandidat für die Nationalelf hervorgetan hatte.

Werders Manager Klaus Allofs will solche Ambitionen nicht untergraben. Also sagte er, dass alle deutschen Torhüter sich mal grobe Schnitzer erlauben würden: „Das passiert Lehmann, Rost, Hildebrand oder Neuer. Ich kenne keinen, der sich nicht so was geleistet hat. Wiese hat für uns schon so viele Spiele gerettet.“ Doch im Grunde weiß Allofs, dass Wiese nie eine echte Chance bei der Nationalelf hatte. Und nach diesem Spiel werden Wieses 13 Einsätze in der U21 vermutlich seine einzigen in den DFB-Auswahlteams bleiben. Frank Hellmann

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