Sport : Ein mitreißender Schweizer

Tranquillo Barnetta rüttelt seine Kollegen wach

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Tranquillo Barnetta ist ein Leichtgewicht. Trotz seiner 62 Kilogramm aber lässt er sich nur schwer vom Ball trennen. Er kann ihn wunderbar mit der Sohle mitnehmen, sich in Zweikämpfe stürzen und doch den Blick für den Mitspieler wahren. Der junge Schweizer, gerade 21 Jahre alt geworden, ist noch längst kein Star, aber er besitzt alle Fähigkeiten, die man haben muss, um unter die ganz Großen zu kommen. Barnettas Aufschwung vollführt sich nicht grundlos zeitgleich mit dem Erstarken der Schweizer Nationalmannschaft, die heute im WM-Achtelfinale in Köln auf die Ukraine trifft. Nichts repräsentiert den neuen Schweizer Fußball besser als sein schnelles, technisch hochwertiges Spiel.

Schon nach der erfolgreichen Qualifikation in den überhitzten Play-off-Spielen gegen die Türkei ist die junge Mannschaft von Trainer Jakob Kuhn mit sehr viel Lob bedacht worden. So viel, dass schon fast zu befürchten stand, sie werde die hohen Erwartungen nicht erfüllen können. „Doch genau das hat sie getan“, sagt der 62 Jahre alte Trainer Kuhn mit Stolz in der Stimme.

Eben weil die Schweiz als eingespielte Mannschaft überzeugte, mag die Hervorhebung Barnettas auf den ersten Blick ungerecht erscheinen. Da ist natürlich noch der Aufsteiger der Saison, Philippe Senderos von Arsenal, der gegen die Südkoreaner das 1:0 köpfte und nun mit einer ausgekugelten Schulter leider den Rest der Weltmeisterschaft von außerhalb des Platzes verfolgen muss. Mit Senderos wurde Barnetta 2002 U-17- Europameister. Neben den beiden gibt es noch Philipp Degen, Alexander Frei oder Ricardo Cabanas, die den neuen Fußball-Jugendkult in der Schweiz auslösten. Doch es war eben Tranquillo Barnetta, der bei diesem Turnier die Mannschaft im richtigen Moment mitgerissen hat. Und das gleich zweimal.

Nach dem 0:0 gegen Frankreich, das die Schweiz sehr defensiv, vorsichtig und mit zu wenig Laufbereitschaft absolviert hatte, kam das Team auch gegen Togo nicht richtig in Fahrt. Wie gelähmt wirkten manche Aktionen, es fehlte an Selbstbewusstsein vor dem Tor. Barnetta übernahm Verantwortung, zog das Tempo an, gab eine Vorlage zum Tor und erzielte das zweite selbst.

Gegen Südkorea wurde zwar Alexander Frei zum „Man of the match“ gewählt, aber die entscheidende Figur war wieder Barnetta. Von der ersten Minute an machte der Leverkusener zusammen mit Degen über die rechte Seite Druck, sicher am Ball, gut im Passspiel und stark im Zweikampf. So war es kein Zufall, dass er nicht nur die besten Chancen vorbereitete, sondern auch die Ecke trat, die zum 1:0 führte. Ständig tauschte sich Barnetta auch mit seinen Mitspielern aus. Schon vor der Partie hatte er sich an die U-20- WM in Holland erinnert, wo er gegen die Südkoreaner gespielt hatte. Er wusste: „Die können laufen ohne Ende, und man versteht ihr verwirrendes System nicht.“ Genau deshalb musste so viel geredet werden auf dem Platz, erklärte Jakob Kuhn und war froh, dass „meine Mannschaft diese Vorgabe beherzigt hat“.

Barnetta leistete seinen Beitrag, und als der 2:0-Sieg vollbracht war, riss er seine Mannschaft ein drittes Mal mit. Ob jetzt gefeiert werde, wurde er gefragt. Feiern? Woher denn. Man müsse sich jetzt auf die Ukraine vorbereiten.

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