Sport : Ein Opfer seines Schweigens

Robert Ide

Es ist ein Drama. Und es ist eine Erlösung. Jan Ullrich ist kein Sportler mehr. Darüber kann man traurig sein. Aber vor allem froh.

Der deutsche Sport hat einen seiner größten Stars verloren. Doch dieser Verlust ist nicht erst mit dem bizarren Presseerklärungstermin eingetreten, den Ullrich am Montag in Hamburg zur Aufführung brachte. Der Radfahrer, der nach seinem sensationellen Sieg bei der Tour de France 1997 stets auch die Hoffnungen eines ganzen Landes die Berge hinaufzuziehen hatte, wirkt so, als sei er schon lange nicht mehr bei sich. Wegen der mutmaßlichen Zusammenarbeit mit dem spanischen Dopingarzt Fuentes, für die es trotz aller Dementi starke Indizien gibt, wurde ihm der Start bei der letztjährigen Tour verwehrt. Seitdem hat Ullrich wenig getan, um die Vorwürfe gegen ihn zu entkräften. Seinen Fans hat er bis heute keine stichhaltige Erklärung geben können und wollen, wie mögliche Hinweise auf ihn in Unterlagen von Fuentes und auf Blutbeuteln auftauchen können. Noch immer kämpfen seine Anwälte gegen einen Abgleich der von der Polizei beschlagnahmten Blutproben mit seiner DNS. Da wirkt es schon peinlich, dass Ullrich sich als Opfer einer Verschwörung darzustellen versucht.

Natürlich ist auch ein Jan Ullrich unschuldig bis zum Beweis des Gegenteils. Und natürlich hat jeder Angeklagte das Recht zu schweigen. Nur darf er sich dann nicht beschweren, wenn sich die Öffentlichkeit aufgrund der belastenden Indizien ein eigenes Bild macht. Nicht nur im Fall Ullrich gerät der Sport an die Grenzfrage, wie sehr die Unschuldsvermutung noch gelten kann, wenn kriminelle Netzwerke Doping organisieren – mit Mitteln, die kaum nachzuweisen sind. Ullrichs Blockadehaltung hat dazu geführt, dass Teile der Öffentlichkeit die Frage der Unschuld inzwischen anders entschieden haben. Bis zum Beweis des Gegenteils.

Jan Ullrich hat eine große, wenn auch sportlich wechselhafte Karriere hinter sich. Und sein Rückzug trägt – auch wegen seines seltsam amateurhaften Abschiedsauftritts – Züge einer persönlichen Tragödie. Schließlich war Ullrich einmal ein Hoffnungsfahrer für ein Land, das sich nach Helden sehnt, die es mit schwarz-rot-goldenen Fahnen bejubeln kann. Nun ist er zum Symbol geworden für einen Profi-Radsport, der nicht mehr reformierbar scheint – auch weil er angebliche Sünder wie Ivan Basso längst wieder in die Peletons aufgenommen hat. Dass dies bei Jan Ullrich nicht der Fall war, braucht niemand zu bedauern. Er selbst ist an den Rand gefahren.

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