Sport : Ein Titel für die ganze Stadt

Der amerikanische Eigentümer Philip Anschutz will dem ehemaligen Stasi-Klub einen Platz in der Mitte Berlins verschaffen

Sven Goldmann

Berlin - Als Philip Anschutz das letzte Mal in Berlin war, hat er zwölf Flaschen Bier mitgenommen. Und ein Video, die Aufzeichnung eines Eishockeyspiels, Eisbären Berlin gegen Frankfurt Lions. Die Berliner haben gewonnen, aber das hat den Herrn Anschutz nur am Rand interessiert. Mit zwei, drei Freunden hat er sich an der Stimmung ergötzt, an den Berliner Fans, die zweieinhalb Stunden am Stück sangen und brüllten und pfiffen und feierten. Seht ihr, hat Anschutz seinen Freunden erzählt, deshalb investiere ich mein Geld in Ost-Berlin. In eine Eishockey- Mannschaft, die früher der Stolz des Ministeriums für Staatssicherheit war.

Im Nordosten Berlins ist Philip Anschutz ein Held. Ein unscheinbarer Mann von kleiner Statur und grauem Haar, 65 Jahre alt und öffentlichkeitsscheu. Sein letztes Interview soll er 1968 gegeben haben. Philip Anschutz redet wenig, aber er zahlt gut. Mit seinem Geld sind die Berliner Eisbären am Dienstag Deutscher Eishockey-Meister geworden, neben dem Titelgewinn der Magdeburger Handballer ist das der größte Erfolg einer ostdeutschen Sportmannschaft seit der Wende. Vor ein paar Jahren war Anschutz einmal der sechstreichste Mann der USA, dann hat das Filmgeschäft ein wenig gefloppt, aber es reicht immer noch, um im Big Business eine dominierende Rolle zu spielen. Seiner Anschutz Entertainment Group (AEG) gehört das Basketballteam der Los Angeles Lakers, das Eishockeyteam der Los Angeles Kings, und seit sechs Jahren sind auch die Berliner Eisbären Teil des Portfolios. Ohne Anschutz wären die Eisbären 1999 Pleite gegangen.

Nun geht es Anschutz um mehr als deutsches Bier, gute Stimmung und die deutsche Eishockey-Meisterschaft. Sein Konzern will am Ostbahnhof ein neues Stadtquartier errichten mit einer 16 500 Zuschauer fassenden Multifunktionshalle als Herzstück. Die Eisbären sollen als führendes Eishockeyteam Deutschlands die Halle füllen. Das Problem: Selbst in Berlin werden die Eisbären trotz aller Erfolge nur begrenzt wahrgenommen. Als im vergangenen Jahr die Frankfurt Lions Deutscher Meister wurden, gab es ein riesiges Fest vor dem Römer, Bürgermeisterin Petra Roth hielt die Laudatio. Ein Jahr später hat es auf dem Kurfürstendamm herzlich wenig interessiert, wer gerade die erste Eishockey-Meisterschaft seit 29 Jahren nach Berlin geholt hat. Klaus Wowereit hat erst am Freitag Zeit für das erfolgreichste Sportteam seiner Stadt.

„Es ist richtig, dass wir an einer besseren Wahrnehmung unseres Produkts noch arbeiten müssen“, sagt Detlef Kornett. „Aber wir machen Fortschritte.“ Detlef Kornett kommt aus Cuxhaven und hat in West-Berlin studiert. Er ist Anschutz’ Europachef und gleichzeitig Geschäftsführer der Eisbären GmbH, „das eine bin ich hauptberuflich, das andere aus Leidenschaft“. Diese Leidenschaft ist nicht bei allen gut angekommen. Als Kornett im Herbst 1999 nach der Übernahme von Anschutz eine Revision der Geschäftsbücher vornahm, kostete das Ergebnis drei leitende Mitarbeiter ihren Job. „Kaufmännisch unverantwortlich“ sei damals gearbeitet worden, sagt Kornett. Es ist kein Geheimnis, dass Prämien früher schon mal auf Schwarzgeld-Basis gezahlt wurden.

Ein gewinnorientiertes Unternehmen sind die Eisbären immer noch nicht. Das geht auch gar nicht in der zugigen Halle in Hohenschönhausen, die sie euphemistisch Wellblechpalast nennen. Stolz verweist Kornett darauf, dass 35 Prozent der Sitzplatzinhaber aus dem Westen kommen. Es gibt nicht einmal 2000 Sitzplätze bei den Eisbären, den optischen und akustischen Eindruck prägen die 3000 Fans auf den Stehplätzen. Sie rufen: „Ost! Ost! Ost-Berlin!“ und singen laut mit beim Vereinslied, das die Puhdys geschrieben haben, „Hey, wir woll’n die Eisbär’n sehn“.

Gäste aus dem Westen nehmen die DDR light teils amüsiert, teils irritiert wahr. Auch sie wissen, dass diese Fans dem EHC Eisbären seinen Kultstatus verschafft haben. „Zukunft braucht Vergangenheit“, sagt Kornett. Die Zukunft ist die Arena am Ostbahnhof, die Vergangenheit der Wellblechpalast. Es ist nicht leicht, eine Brücke zwischen Zukunft und Vergangenheit zu finden. Als die Eisbären vor zwei Jahren bei zwei Spielen in der Deutschlandhalle den West-Berliner Markt testen wollten, regte sich Widerstand im Eisbärenland. Im Internet wurde zum Boykott aufgerufen, und danach sagte Manager Peter John Lee: „Ein Glück, dass wir jetzt endlich wieder zu Hause spielen können.“ Zu Hause, das ist nicht Berlin, sondern Ost-Berlin, vorzugsweise Hohenschönhausen, Marzahn und Hellersdorf. Kornett sagt, für diese Klientel werde es auch in der eleganteren neuen Arena Stehplätze geben.

Pierre Pagé wohnt in Zehlendorf, und auf dem Weg zum Training fährt der Eisbären-Trainer jeden Tag an der Baustelle der geplanten Anschutz-Arena vorbei. Seit ein paar Monaten tut sich wenig am Ostbahnhof. Ursprünglich sollte die Halle 2005 fertiggestellt sein, mittlerweile wird für Ende dieses Jahres ein symbolischer Baubeginn in Aussicht gestellt. Wer es böse mit den Eisbären meint, der streut das Gerücht, Anschutz habe sich von seinen Plänen längst verabschiedet. Unsinn, sagt Detlef Kornett, „gebaut wird auf jeden Fall, wir haben schon zu viel Geld in dieses Projekt gesteckt“. Drei Millionen Euro haben die Abrissarbeiten auf dem Gelände am Ostbahnhof gekostet, 20 Millionen die Bereitstellung der Infrastruktur.

Für die Meisterparty in der Nacht zum Mittwoch muss es noch einmal die ausbaufähige Infrastruktur in Hohenschönhausen tun. Die Mannschaft hat sich in die Kabine zurückgezogen und wacht darüber, dass der Meisterpokal mit lauwarmem Bier gefüllt bleibt, Torwart Olaf Kölzig hat Zigarren mitgebracht hat. Draußen, auf den nackten Betonplatten zwischen Kabine und dem aus Containern errichteten VIP-Dorf, sitzen gut 1000 Menschen. Auf Anweisung eines kleinen Mannes springen alle auf und singen ein Lied, ihr Lied, ein weitgehend inhaltsleeres uffta, uffta, täterä. Es ist kurz vor Mitternacht und lausig kalt, aber die meisten tragen T-Shirts. Auf einem ist eine Berlinkarte in den Grenzen vor 1989 abgedruckt. Die westliche Seite ist mit Backsteinen verbaut, im Osten scheint die Sonne.

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