Sport : Ein Tyrann wird sympathisch

Martin Hägele

München. Der Mann beansprucht für sich die Weisheit der frühen Geburt, weil er als einer der Erstgeborenen der Bundesliga über fast vierzig Jahre nun zu ihrem bekanntesten Großvater gealtert ist. Als er aus dem "Premiere"-Studio über die Zukunft des deutschen Fußballs dozierte, musste er nur ins Archiv seiner Sprüche greifen. Die letzte Dekade. Wie oft hatte der Fußball-Lehrer Otto Rehhagel zwischen 1990 und 2000 gepredigt, dass im Fußball nur noch das Geld den Meister mache, und nur noch die reichen Klubs um Titel spielten. An diesem Samstag ist die Vision des 63-Jährigen ("Es sieht so aus, als könnten die Bayern die Bundesliga für die nächsten zehn Jahre beherrschen") zumindest für die laufende Runde zur vorläufigen Realität geworden. Spätestens als Bayerns Manager Uli Hoeneß auch noch offiziell bestätigte, was ohnehin schon alle wussten, dass nämlich Sebastian Deisler in der nächsten Saison im Münchner Trikot kicken wird.

Andererseits stellt in diesen Tagen, da der Untergang deutscher Fußballkultur am Beispiel der Nationalmannschaft an die Wand geschrieben wird, der FC Bayern München nicht mehr jenen böse Tyrann dar, der mit dem Glück und dem DFB im Bunde die Republik knechtet. Obwohl beim vermeintlichen Gipfel gegen den 1. FC Kaiserslautern mit Oliver Kahn und Thorsten Fink nur zwei Profis mit einem deutschen Ausweis für den Titelverteidiger aufliefen (später wurde noch Michael Tarnat eingewechselt), finden immer mehr Fans die Bayern sympathisch. Und begreifen, dass die wenigen Talente unter den deutschen Nationalspielern wohl nur in diesem Umfeld Sieger-Mentalität erlernen könnten.

Auch mit diesem nationalen Argument ging der FC Bayern München am Morgen nach der standesgemäßen Übernahme der Tabellenführung in die Offensive. Nachdem der Deisler-Transfer durch die Indiskretion eines Bankangestellten, der die Kopie eines 20-Millionen-Mark-Schecks wohl an "Bild" verkauft hatte, publik geworden war, bestätigte Manager Uli Hoeneß in der DSF-Sendung "Doppelpass" nicht nur diesen Wechsel, sondern legte auch das Konzept vom FC Bayern als Stamm der Nationalelf auf den Tisch: Die Spielmacher-Rolle von Stefan Effenberg, dessen Vertrag nicht mehr verlängert wird, soll auf die Schultern der jungen Frontmänner Sebastian Deisler und Michael Ballack verteilt werden.

Einen "100-Millionen-Deal" meldete auch "Bild am Sonntag" und enttarnte schon vorab das Zitat von Dr. Michael Becker, dem Berater des Leverkuseners, ("Wir reden zuerst mit Calmund") als branchenübliches Ablenkungsmanöver. Als dritter und letzter unter jenen begehrten Jung-Stars, von denen sich der FC Bayern und der Deutsche Fußball-Bund große internationale Karrieren versprechen, wird sich demnächst wohl noch Sebastian Kehl vom Freiburger SC öffentlich zu seinem Lieblingsklub bekennen.

Schon am zehnten Spieltag der Saison 2001/02 stellt der FC Bayern langfristig die Weichen. Und das, obwohl sich das als erste und kleinere von zwei Umbruch-Jahren bislang weit besser als erwartet (und auch befürchtet) angelassen hat. Keine Spur von Müdigkeit oder Stagnation, die sich als Folgen nachlassender Motivation ja zwangsläufig einstellen müssten, nachdem Kahn und Co. zum drittenmal hintereinander als Deutsche Meister und erstmals auch als Sieger der Champions League gefeiert worden waren. Doch auch ohne die verletzten Effenberg, Scholl, Jeremies und Jancker, bei denen es sich überwiegend um Führungsfiguren handelt, vermitteln die Herren in den rot-grauen Hemden so viel Spaß und Spielfreude, wie sie lange nicht mehr unterm olympischen Zeltdach anzutreffen war.

Beschwingt vom Tor-Fieber Elbers, den nicht nur die Ikone Gerd Müller derzeit als "weltbesten Mittelstürmer" tituliert, angetrieben von "Brazzo" Salihamidzic (zwei Tore, zwei Torvorlagen), dem Engländer Owen Hargreaves und dem mit 20 Jahren nur ein paar Monate jüngeren Roque Santa Cruz brauchte Hitzfelds Ensemble nicht einmal eine halbe Stunde, um den 1. FC Kaiserslautern mit drei Toren auf Bundesliga-Mittelmaß zu stutzen.

Allen Ernstes behauptete Otto Rehhagel am "Premiere"-Mikrofon, "dass nach dem, was wir heute gesehen haben, auch der Mario hätte mitspielen können". Dabei durfte es über das 90-minütige Strafbanksitzen von Rehhagels Ziehsohn wirklich keine Diskussion geben. Basler ist nicht nur für ein Spitzenspiel zu langsam. Sobald der frühere "Super-Mario" die Trainingshose abgestreift hätte, hätte er von den alten Kollegen Klassenkeile bekommen für all seine dummen Sprüche über Elber und dessen Familienleben. "Wir waren froh, dass Bayern in der zweiten Hälfte zwei Gänge zurückgeschaltet hat", sagte Brehme. Mit Basler auf dem Feld hätten sie mit Sicherheit noch einmal die Drehzahl des Spiels erhöht.

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