Sport : Ein zahmes Streicheltierchen

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Stefan Hermanns über die seltsam

zweifelnden Bayern

Der behandelnde Chefarzt hatte den Patienten 90 Minuten lang eingehend untersucht, nach Ursachen der Erkrankung geforscht und dann seine abschließende Diagnose diktiert. „Die Brust der Bayern ist sehr schmal im Moment“, sagte Dr. med. Franz Beckenbauer, Spezialist für alle fußballerischen Krisenfälle. Sein Assistent Ottmar Hitzfeld ergänzte den Befund und notierte Lähmungserscheinungen in den Beinen.

Offensichtlich handelt es sich um einen schweren Fall. Die Bayern hatten gedacht, sie könnten schon wieder mit den kräftigsten Bodybuildern aus England, Spanien und Italien mithalten; umso schmerzlicher trifft sie die Erkenntnis, dass sie sich auf das mitteleuropäische Normalmaß von Anderlechtern, Stuttgartern, ach, gar Bremern heruntergehungert haben. „Ich muss die Worte, dass Europa vor uns Angst haben muss, zurücknehmen“, sagte Bayerns Manager Uli Hoeneß am Mittwochabend nach dem glücklichen 1:0-Sieg gegen den RSC Anderlecht. Und wo Hoeneß schon mal am Zurücknehmen ist, könnte er gleich auch noch die bayrische Schreckensherrschaft in Deutschland beenden. Wer hat Angst vorm FC Bayern? Keiner! Keiner!

So zweifelnd wie am Mittwoch hat man die Münchner lange nicht erlebt. Die frühere Bestie FC Bayern ist ein zahmes Streicheltierchen geworden, die ewige Kritikasterei „nagt natürlich an uns Spielern“, sagt ausgerechnet der eigentlich unannagbare Oliver Kahn. Dass alle gegen sie sind, hat die Münchner in früheren Zeiten erst richtig angestachelt; inzwischen aber soll es bei der Auslosung für das Achtelfinale am liebsten der AS Monaco sein, nicht Real oder Manchester, nicht Juve oder Chelsea, sondern der nominell schwächste aller möglichen Gegner.

Vor einem Jahr wären die Bayern froh gewesen, wenn sie überhaupt solche Sorgen gehabt hätten. Damals waren sie schon in der Vorrunde der Champions League ausgeschieden; diesmal haben sie sich zumindest ins Achtelfinale geschummelt. Aber damals hatten sich die Bayern eben auch geschworen, dass sie sich nicht noch einmal in Europa blamieren würden. Nimmt man den Auftritt gegen Anderlecht zum Maßstab, besteht diese Gefahr auch weiterhin.

Gewonnen hat am Mittwoch nur der deutsche Fußball. Nachdem die Bayern vor einem Jahr in der Champions League gescheitert waren, zogen sie in der Meisterschaft allen Konkurrenten aus Trotz und ohne Mühe davon, und auch den DFB-Pokal, eigentlich ein Wettbewerb dritter Klasse für den FCB, gewannen sie völlig humorlos. Der deutsche Fußball ist in Europa zurzeit vielleicht nicht konkurrenzfähig. Dafür könnte er in dieser Saison wenigstens wieder spannend werden.

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