Sport : Eine besondere Beziehung

Dieter Hoeneß verteidigt Marcelinho auch noch nach seinem Ausfall in Koblenz

Stefan Hermanns

Berlin - Als die Wut auf ihn zulief, ist Dieter Hoeneß ganz ruhig geblieben. Die Wut trug die Züge von Marcelinho, sie fuchtelte mit dem Zeigefinger, und es sah so aus, als sei die Wut zum Äußersten bereit. Doch dann kam Andreas Neuendorf, packte Marcelinho und zerrte ihn zur Mittellinie. Dieter Hoeneß, der Manager des Berliner Fußball-Bundesligisten, blieb körperlich unversehrt. „Der wäre nicht auf mich losgegangen“, sagt Hoeneß. „Und wenn, dann hätte ich mich schon gewehrt.“

Es ist eine seltsame Vorstellung: Der Spieler eines Vereins wird von seinem Vorgesetzten kritisiert und revanchiert sich dafür, in aller Öffentlichkeit, mit einem tätlichen Angriff. Eigentlich unvorstellbar. Doch so wie Marcelinho am Samstag nach seinem Tor zum 2:2 gegen den Regionalligisten TuS Koblenz auf Hoeneß losstürmte, wollte er ihm wohl kaum vor Freude in die Arme springen. Und dass der Brasilianer auf Autoritäten wenig Rücksicht nimmt, hat er vor gerade vier Monaten gezeigt. In der Halbzeit von Herthas Spiel bei Borussia Dortmund kritisierte Mannschaftskapitän Arne Friedrich Marcelinho für sein läppisches Zweikampfverhalten. Im Kabinengang dann ging der Brasilianer auf Friedrich los.

Dass die Aktion keine Konsequenzen für Marcelinho hatte, lag vor allem an Dieter Hoeneß. Nicht zum ersten Mal bewahrte der Manager Herthas wichtigsten Spieler vor einer Strafe. So soll es auch im Frühjahr 2003 gewesen sein, als Marcelinho nach dem Aus im Uefa-Cup zu lange in seiner Stammkneipe feierte. Zur Strafe wollte Herthas damaliger Trainer Huub Stevens den Brasilianer im nächsten Spiel nicht aufbieten. Hoeneß soll diese Strafmaßnahme vereitelt haben.

Den Mitspielern bei Hertha ist die Nachsicht mit dem schwierigen Star immer schwieriger zu vermitteln. Einerseits wissen sie, dass der Erfolg und damit ihr Gehalt von Marcelinho und seiner Leistung abhängt; anderseits ist eine Mannschaft ein soziales Gebilde, in dem jedes Privileg eifersüchtig beäugt wird. Und nicht jeder hätte so zurückhaltend auf einen Angriff reagiert, wie es Friedrich in Dortmund getan hat: „Wenn er das mit mir gemacht hätte, hätte er bis zum Ende der Saison nicht mehr gespielt“, sagt ein Führungsspieler. „So hätte ich ihn verprügelt.“

Hoeneß aber hat sich dafür entschieden, mit Blick auf den Gesamterfolg der Mannschaft über Marcelinhos Schwächen im Sozialverhalten hinwegzusehen. Hertha braucht Marcelinho. Er mag ein schwieriger Mensch sein, aber seine Qualität als Fußballer ist unbestritten. Völlig anders sieht es bei Brasiliens Nationalmannschaft aus. Noch immer hofft Marcelinho, dass er in die Seleçao berufen wird. Diese Hoffnung wird sich als utopisch erweisen. Nationaltrainer Carlos Alberto Parreira berücksichtigt nicht nur die fußballerischen Fertigkeiten, sondern auch die charakterliche Eignung der Kandidaten. Aktionen wie die in Koblenz bestärken ihn in seiner Einschätzung, dass Marcelinho die charakterliche Reife fehlt.

„Ich mag Marcelinho“, sagt Dieter Hoeneß. „Ich mag ihn als Spieler, und ich mag ihn als Mensch.“ Trotz dieser besonderen Beziehung war Hoeneß am Samstag bewusst, dass er mit seiner Zurechtweisung in der Pause vor der Verlängerung eine überzogene Reaktion des Brasilianers hervorrufen würde. Hoeneß ist dieses Risiko wissentlich eingegangen und sieht sich durch das Resultat in seinem Handeln bestätigt. In der Verlängerung erzielte Marcelinho den Ausgleich, Hertha gewann und zog in die zweite Runde ein.

Das Bemerkenswerte ist, dass sich Marcelinho offenbar nicht einmal von Hoeneß etwas sagen lässt. „Ich stehe ja nicht im Verdacht, sein Feind zu sein“, sagt der Manager. „Immer wenn es eng wird, stelle ich mich hundertprozentig vor ihn.“ Die Fürsorge geht über das normale Maß hinaus: Hoeneß hat dem in Gelddingen äußerst naiven Brasilianer sogar einen Finanzberater vermittelt. Vielleicht wird Marcelinho erst in einigen Jahren erkennen, dass es Herthas Manager nur gut mit ihm gemeint hat: „Wenn er nach seiner Karriere merkt, dass er noch etwas übrig behalten hat.“

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