Sport : Eine Spur führt nach Berlin

Hartmut Moheit

Oliver B. ist ratlos. "Wie es jetzt weitergehen soll, weiß ich noch nicht", sagt der Berliner Judoka. Denn Thomas Schleicher, der österreichische Judoka, ist tot. Und Schleicher hätte sehr wichtig für Oliver B. sein können. Schleicher hätte vielleicht bewirken können, dass die für Oliver B. zur Bewährung ausgesetzte Gefängnisstrafe in der zweiten Instanz kassiert wird. "Er hat mir versprochen, dass er für mich aussagen wird, wenn er wieder aus dem Gefängnis draußen ist." Aber Schleicher hat sich erhängt, er kann nichts mehr für den alten Kumpel tun.

Oliver B., zu DDR-Zeiten eines der größten Judo-Talente des Landes, steht vor seiner Berufungsverhandlung. Seine ganze Verteidigungsstraegie baute auf dem Wort von Schleicher auf. In erster Instanz wurde der 29-Jährige wegen Kokainhandels zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. "Dabei bin ich unschuldig", sagt er. Schleicher sollte diese Unschuld beweisen. Jener Thomas Schleicher, der mit ihm im Bundesliga-Team des SC Berlin gekämpft hatte.

Oliver B. bestreitet nicht, dass in der Kampfsportszene gekokst wird. "Ich war mal beim internationalen Turnier in Budapest. Da hatte fast jeder eine Schnupfnase. Wenn ich nur daran denke, was da die Ungarn auf der Toilette gekokst hatten." Er bestreitet nur, dass er auch geschnupft hat. Oder, noch schlimmer, gedealt.

Dabei hatte ihn ausgerechnet Schleicher belastet mit seiner Aussage, Oliver B. habe ihn bei seinen Berlin-Aufenthalten mit dem Stoff versorgt. In Briefen an seine Eltern schrieb Schleicher das Gleiche. Verurteilt wurde B. schließlich für 40 Gramm, die er auf der Autobahn bei Ingolstadt an Schleicher übergeben haben soll. Fünf Zeugen, Team-Kollegen von Oliver B., haben dies nicht bestätigt. Doch ein weiterer Zeuge erzählte der Polizei eine andere Version. Das reichte zur Verurteilung.

In Österreich saß Thomas Schleicher zur gleichen Zeit selbst im Gefängnis, verurteilt wegen Kokainhandels. Und dort habe er dann eine radikale Wende vollzogen - erzählt Oliver B. In Telefongesprächen, die er mit einem Handy führte, das er im Gefängnis gar nicht hätte haben dürfen, habe Schleicher plötzlich erzählt, er wolle für Oliver B. aussagen. "Du hast mir kein Kokain gegeben", soll Schleicher gesagt haben. Doch welches Gericht glaubt in einer Berufungsverhandlung schon der angeblichen Aussage eines Toten?

Martin Schmidt kann sich ohnehin nicht so recht vorstellen, dass Schleicher ins kriminelle Milieu abgedriftet ist. "Er war immer nett, zugänglich und kampfstark auf der Matte", sagt der frühere Europameister. Allerdings fielen ihm Schleichers "total rechte Auffassungen" immer wieder auf. "Thomas sprach oft davon, dass sein Traum der Titel eines großdeutschen Meisters wäre. In dieser Gedankenwelt ist er offensichtlich zu Hause in Österreich aufgewachsen. Er hat oft davon erzählt."

Schleicher startete in der Saison 1996/97 für den SC Berlin, danach sollte er für den JC Frankfurt (Oder) antreten. Sein Wechsel war perfekt. Doch zu einem Einsatz kam es nicht mehr. Thomas Schleicher wurde in Österreich verhaftet, bevor die Bundesliga-Saison begann. Seine Verbindung nach Berlin aber ist nie abgerissen. Manchmal erzählte er Oliver B. noch davon, wie viel Geld mit Kokain in Lettland, der Ukraine und anderen Ländern verdient werde. Erzählte von dicken Autos, die sich Sportler dort leisten könnten. Oliver B. sagt, das habe ihm nicht imponiert. Und dass es ihn nicht gereizt habe, mit illegalen Mitteln an viel Geld zu kommen. Deshalb habe ihn auch die Gerichtsverhandlung so hart getroffen. "Ich bin jetzt schließlich vorbestraft."

Seine schwierige Situation muss Oliver B. jetzt allein bewältigen. Zur Beerdigung von Schleicher am vergangenen Freitag ist er nicht gefahren.

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