Sport : Eine unsympathische Wahrheit Steuers Kritik stößt durchaus auf Verständnis

Frank Bachner[Dresden]

Die Straßen waren glatt am Sonntagabend, Reinhard Ketterer fuhr langsam von Dresden nach Berlin, im Inforadio des RBB hörte er deshalb gleich viermal, wie Ingo Steuer seine sportlichen Konkurrenten in Grund und Boden kritisierte. „Da hat man ja Zeit zum Überlegen“, sagt Ketterer, der Leitende Eiskunstlauf-Landestrainer von Berlin, „und ich muss sagen: Er hat auf unsympathische Weise die Wahrheit gesagt.“ Die Wahrheit ist demnach, dass Ekaterina Wasiljewa und Daniel Wende, mit 113,54 Punkten Dritte der deutschen Meisterschaften in Dresden, nicht zur EM nach Zagreb fliegen sollten. Grund: eine unterirdische Leistung. Er verkündete sein Urteil allerdings ansatzlos bei einer Pressekonferenz. Die Betroffenen erfuhren es zeitgleich mit den Journalisten.

Steuer, Trainer der Europa- und Deutschen Meister Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy, will zwar auch gleich noch die Zweitplatzierten Mari-Doris Vartmann und Florian Just (136,71) von Zagreb fernhalten, aber das ist Ketterer zu viel. Mit 132,76 Punkten landeten Vartmann/Just bei der EM 2007 auf Rang sieben. „Wenn man unter die Top Ten kommen kann“, sagt Ketterer, „hat man auch einen EM-Start verdient.“ Das dritte Paar würde aber auch er zu Hause lassen. Die Deutsche Eislauf-Union (DEU) wollte gestern über die Nominierung entscheiden, bei Redaktionsschluss lag noch kein Beschluss vor.

Steuer griff auch Knut Schubert, den Trainer der beiden Paare, frontal an. „Er hätte es intern sagen sollen“, erklärt Ketterer, andererseits: „Man muss zugeben, dass Schubert international im Mittelfeld stecken geblieben ist. Steuer dagegen hat seine hohen Ansprüche erfüllt, deshalb steht ihm so eine Kritik zu.“ Dass der Coach andere Trainer noch stärker gegen sich aufbringen könnte, sieht Ketterer nicht: „Noch mehr als jetzt kann sich Steuer gar nicht isolieren.“

Auch DEU-Vizepräsident Uwe Harnos gibt sich gelassen: „Steuer ist ein hervorragender Trainer, er darf kritisieren. Wir werden diese Kritik sicher nicht in eine Schublade stecken, nur weil sie von Ingo Steuer kommt.“ Aber er hätte sie bitte schön „auch intern äußern können“.

Bei Steuer ist halt vieles auch eine Formsache, deshalb ist unklar, ob diese Diskussion nicht eine Eigendynamik erhält und Steuer wieder stärker in die Schusslinie gerät. Bei der DEU ist man unverändert sauer, dass der Ex-Stasi-IM Steuer immer noch vor Gericht klären will, ob ihn der Verband als Trainer anstellen muss. Und in Schubert, mit dem sich Steuer früher mitunter ein Hotelzimmer teilte, hat er sowieso auf absehbare Zeit einen erbitterten Gegner.

Im Übrigen, sagt Volker Waldeck, ist es kein Fehler, ein Paar „aus der zweiten Reihe zu einer EM zu schicken“. Waldeck ist internationaler Preisrichter, er hat den taktischen Blick. „Die Preisrichter wollen ein Paar auch besser kennenlernen. Wenn man es öfter gesehen hat, bleibt es besser im Gedächtnis.“ Und natürlich geht es auch um Sportpolitik. Je mehr Teilnehmer ein Verband schickt, umso besser wird sein Image und umso größer sein Einfluss. Und in Europa, das seinen Stellenwert als Eiskunstlauf-Hochburg verloren hat, schafft man das auch schon mit ein paar Teilnehmern. So ein Team ist im Zweifel immer noch größer als die Equipe eines anderenVerbands.

Nur beim Thema Wasiljewa/Wende bleibt auch Waldeck hart. „Die boten eine miserable Leistung.“ So ein Paar bei der EM? „Ich bin dagegen.“

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