Sport : Einer fürs Volk

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Joachim Löw scheint im Moment geradezu rührend bemüht, sein Image aufzuhübschen. Jahrelang hat der Bundestrainer sich einen Dreck geschert, was das Publikum von seiner Personalpolitik hält: Im Zweifel hat Löw einfach seine Richtlinienkompetenz ins Feld geführt. Gestern aber hat er eine Entscheidung getroffen, mit der er vor allem dem Volk aus dem Herzen spricht: René Adler kehrt in die Nationalmannschaft zurück.

Löw beendet damit eine nervige Debatte, die ihn seit Wochen begleitet. Doch so populistisch Adlers Nominierung auf den ersten Blick auch wirken mag: Sie hat vor allem objektive Gründe, die selbst für einen Fachmann wie Löw relevant sind. Zum einen ist Adler nie offiziell aus der Nationalmannschaft verabschiedet worden. Er hat nur deshalb nicht gespielt, weil er verletzt war. Jetzt ist er wieder fit, hält mindestens so gut wie vor seiner Verletzung und ist mit knapp 28 Jahren im besten Torhüteralter – was seiner Reaktivierung auch mittelfristig nicht widerspricht.

Zum anderen haben Ron-Robert Zieler und Marc-André ter Stegen gerade vor allem mit sich und ihrer Form zu kämpfen. Solche Tiefs sind bei Torhütern nicht ungewöhnlich, gerade in jugendlichem Alter nicht. Adler hat das alles schon hinter sich. Er wirkt gefestigt, ruhig und souverän. Sollte Manuel Neuer einmal ausfallen, müsste sich jedenfalls niemand ernsthaft sorgen. Es ist dies der einzige Grund, der vordergründig gegen die Rückholung Adlers spricht. Neuer wird quasi beiläufig wieder zur Disposition gestellt. Adler ist in seiner aktuellen Form eine dauernde Drohung; jeder Wackler Neuers wird zu der Grundsatzfrage führen: Wer ist eigentlich die wahre Nummer eins im Land?

Andererseits: Wer das nicht aushält, dürfte nervlich auch nicht in der Lage sein, im Maracana-Stadion das WM-Finale gegen Brasilien zu bestreiten.

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