Sport : Einer schläft nicht - Warum sich Lars Riedel und Jürgen Schult zu früh freuten

Frank Bachner

Er würde doch nicht so einfach weinen? Vor Millionen Fernsehzuschauern? Aber es sah danach aus. Die Augen hatten dieses verdächtige Glänzen, die Blicke gingen ins Nirgendwo, der Oberkörper war gebeugt, als hätte er gerade fürchterliche Lasten zu tragen. Lars Riedel weint? Dieser Bär von einem Mann? Weil sein Kumpel Jürgen Schult immer noch vor ihm lag, auch nach dem vierten Durchgang?

Riedel weinte nicht. Er war lediglich hochkonzentriert, und das sah halt ein bisschen komisch aus. "Wenn ich mich nicht so konzentriert hätte", sagte er später, "dann hätte ich gar nicht werfen können." Nicht mit diesen Problemen in der Hüfte und im Rücken. Riedel warf 68,09 m, und damit hatte er den WM-Titel im Diskuswerfen verloren. So rechneten die nüchternen Beobachter, die nicht im Körper des Lars Riedel steckten. Die machten schon mal stellvertretend für ihn ein trauriges Gesicht. Der Arme, hat gerade seinen fünften WM-Titel verpasst. Aber Riedel enttäuschte sie alle. Er blickte durchaus zufrieden, fast schon glücklich. "Ich freue mich über Bronze. Ich bin mit 68 Metern an meine Grenze gegangen, mehr war nicht drin."

Mehr? "Vor fünf Wochen hatte ich doch nur noch ein Quäntchen Hoffnung, dass ich in Sevilla überhaupt starten konnte." Da sah er Physiotherapeuten häufiger als seinen Trainer, bekam Unterwassermassagen und Fangopackungen, hoffte und bangte. Er warf 62 m in Dessau und 63 m in Cuxhaven und in Rom, und erst in Zürich, kurz vor der WM, schleuderte er die Scheibe auf 67,64 m. Er bereitete sich nicht bewusst auf eine Niederlage vor, um die Schmerzen über den Titelverlust zu begrenzen, das tut kein Sportler seiner Klasse, aber er war trotzdem darauf eingestellt. Beim Einwerfen war er noch schmerzfrei, aber im Wettkampf spürte er seinen Rücken und die Hüfte. Viel mehr bemerkte er nicht an diesem Abend. "Dass Anthony Washington den Jürgen noch übertraf, das habe ich gar nicht mitbekommen." Zu konzentriert, der Mann.

Im letzten Durchgang legte Washington zu. 69,08 m, das bedeutete Gold. Und das jähe Ende einer Überraschung. Der 39 Jahre alte Jürgen Schult stand wenige Minuten vom Titel entfernt. 68,18 m hatte er erzielt, so weit wie noch nie in dieser Saison. Er gehörte durchaus zu den Medaillenkandidaten, er hatte in diesem Jahr schon 67,93 m geworfen aber Gold? Nein, das hatte ihm eigentlich keiner so richtig zugetraut. Zu oft war er der Mann hinter den anderen, hinter Riedel vor allem. Er fühlt sich ja auch ganz wohl hinter dem breiten Rücken des Olympiasiegers. "Der Lars ist wichtig für uns Diskuswerfer, der ist eine Zugnummer in Deutschland, von dem profitieren wir doch alle." Aber Gold, sagte er, "wäre ein Traum gewesen. Ich hätte nicht mehr gedacht, dass Anthony nochmal zulegen würde. Ich hatte gedacht, die anderen sind eingeschlafen".

Was wäre das für ein Bild gewesen? Schult, der Oldie, Erster. Riedel, der Angeschlagene, Zweiter. Ein Sinnbild von Kraft, Durchhaltevermögen und Stärke. Genau dieses Bild, das Schult und Riedel noch deutlicher zeichnen wollen, um ihre Disziplin optimal darzustellen. Schult hat Riedel und die anderen deutschen Diskuswerfer in Sevilla, Möllenbeck und Seelig, überedet, 10 000 Mark für den Nachwuchs zu bezahlen. Aus eigener Tasche. Um die Popularität des Diskuswerfens in Deutschland zu erhalten. "Geld", sagt Schult, "haben wir genug."

Er muss es ja wissen. Aber 60 000 Dollar zusätzlich hätte er wohl nicht abgelehnt. Die kassiert ein Weltmeister. In diesem Fall Anthony Washington. Der kann es auch gebrauchen. In wenigen Tagen bekommt seine Frau ihr zweites Baby.

0 Kommentare

Neuester Kommentar