Sport : Einfach passiert

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Von Stefan Hermanns

Berlin. Jochen Sprentzel, der Stadionsprecher auf der Anlage der LTTC Rot-Weiß, war eindeutig zu langsam. Als er Worte der Anerkennung an Elena Dementjewa richtete, war die russische Tennisspielerin bereits vom Centre Court geflüchtet, einfach vorbei an den Autogrammjägern. Elena Dementjewa wird vermutlich keine innige Freundschaft mehr mit Deutschland schließen. Vor zwei Wochen unterlag sie den Deutschen mit dem russischen Fedcup-Team, gestern schied die Weltranglisten-15. schon in der ersten Runde der German Open aus. Dementjewa musste sich der deutschen Qualifikantin Angelika Roesch aus Berlin mit 4:6, 6:1, 5:7 geschlagen geben.

Roesch sprach nach dem Spiel davon, dass ihr „so ein Sieg noch nie passiert ist". Passiert. Als sei der Triumph irgendwie über sie gekommen. Man muss das verstehen: Gegen eine Gegnerin aus Dementjewas Weltranglistenregion hat Roesch bisher nicht nur noch nie gewonnen, „ich habe auch noch nie gegen eine solche Spielerin gespielt". Als Mitglied des ausrichtenden LTTC Rot-Weiß durfte sie sich bisher viermal in der Qualifikation versuchen, doch mehr als einen Sieg gegen Marlene Weingärtner schaffte sie dabei nicht. In diesem Jahr hat sie die Vorrunde zum ersten Mal überstanden.

Unter normalen Umständen hätte die 24-Jährige auf dem Centre Court einen einzigen unvergesslichen Auftritt bekommen, und dann wäre es wieder vorbei gewesen. Doch gegen Dementjewa wuchs die Berlinerin an und mit ihrer Aufgabe. Sie spielte ähnlich aggressiv wie ihre Gegnerin, blieb auch in den langen Ballwechseln nie nur die passive Rückspielerin, sondern suchte die eigene Chance. „Es war mein Vorteil, dass ich Dementjewa kannte, sie mich aber nicht“, sagte Roesch. Markus Schur, der Bundestrainer, hatte die Berlinerin eingehend über Stärken und Schwächen der Russin informiert. Aber das allein genügt an normalen Tagen wohl nicht, damit die Nummer 125 der Tennis-Welt die Nummer 15 besiegt. Zur eigenen Stärke gesellte sich die Schwäche ihrer Gegnerin.

Dementjewa habe „total viele Fehler gemacht“, sagte Roesch. Bei ihr selbst war es zeitweise ähnlich. Im zweiten Satz „sah es nicht so aus, dass ich noch gewinne". Roesch haderte mit fast jedem Punkt ihrer Gegnerin. Sie fühlte sich zudem von Geräuschen auf den Zuschauerrängen gestört, fluchte und warf ihren Schläger auf den Boden.

„Das ist schon seit Jahren mein Problem“, sagte sie, „dass ich immer zu früh den Kopf hängen lasse.“ Warum sie nach fast zwei Stunden doch noch gewann, bleibt daher zumindest ein wenig unerklärlich. Vielleicht war es der Heimvorteil: „Ich hatte in jeder Ecke meine Bezugsperson.“ Allerdings gelang Dementjewa im entscheidenden Satz ein frühes Break, und bei 5:3 vergab Roesch bei eigenem Aufschlag die Möglichkeit, das Spiel zu ihren Gunsten zu entscheiden. „Ich war nervös ohne Ende, Wahnsinn“, sagte die Berlinerin, die noch zu DDR-Zeiten bei Einheit Weißensee mit dem Tennisspielen angefangen hat. „Und ich war auch „ein bisschen müde“. Zwischenzeitlich fühlte sie sich auch „ziemlich platt“, wie sie nach dem Spiel eingestand.

Immer häufiger dehnte sie ihre Muskulatur, der rechte Oberschenkel war bandagiert, „voll die Zerrung“, diagnostizierte Roesch. „Aber bis Mittwoch kriegen wir das wieder hin." Am Mittwoch spielt sie gegen die Schweizerin Marie-Gaianeh Mikaelian. Tipps des Bundestrainers braucht sie dann nicht. Noch am Sonntag hat Roesch zuletzt gegen ihre nächste Gegnerin gespielt. Das 6:4, 6:3 brachte sie ins Hauptfeld. Mikaelian folgte ihr als Lucky Loser. „Das war ein hartes Match“, sagte Angelika Roesch über das Duell mit der 18-jährigen.

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