Sport : Einfach unwiderstehlich

Müller erfindet sich selbst und schockt Holland

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Für einen Moment stockte Thomas Müller die Stimme. Er blickte über seine linke Schulter zurück und sah in seinem Augenwinkel, wie Mark van Bommel vorbei schlich. Jener van Bommel, den Mesut Özil in der Nachspielzeit eben noch mal getunnelt hatte, was Fußballer im Allgemeinen nicht mögen und einer wie van Bommel im Besonderen überhaupt nicht. Der holländische Kapitän stapfte an Müller vorbei und man sah ihm die gerade erlittene historische Niederlage an. Müller schwieg eine Minute. Ist halt ein höflicher Mensch.

Auf dem Hamburger Rasen hatte das noch ganz anders ausgesehen. Thomas Müller war der Erste, der die Niederländer in ihrem Fußballerstolz traf. Sein Führungstor war in Entstehung und Vollendung unwiderstehlich. Im Boxen würde man von einem Wirkungstreffer sprechen, einem Schlag, der dem Gegenüber mal kurz den Stecker zieht, bei dem es für kurze Zeit mal dunkel wird. „Wir haben das Prestigeduell ganz klar für uns entschieden“, sagte also Müller im entspannten Plauderton. Mark van Bommel, der mit seinen 34 Jahren in einer überforderten niederländischen Mannschaft einen traurigen Haudegen abgab, war in den Katakomben an Müller vorbeigezogen.

Beide kennen sich aus gemeinsamen Tagen beim FC Bayern, wo van Bommel damals noch den Ton vorgab, während Müller bei den Amateuren wirbelte. Inzwischen ist ein Rollentausch vonstatten gegangen. Für van Bommel scheint das Spiel zu schnell geworden zu sein, und Müller, ja dieser Kerl ist ein fußballerischer Wahnsinn. Wenn man ihn so stehen sieht, könnte man meinen, ein Hobby-Bowler stehe vor einem. Weder sein Habitus noch seine Figur lassen Hinweise auf seine Grandiosität auf dem Fußballfeld zu. Nicht nur wegen seines Tores war er der Mann des Abends. Ständig auf Achse, ein Energiebündel. Einer, der Power macht, der Spieler wie Publikum mitreißt, vielleicht der wichtigste Spieler der deutschen Mannschaft.

„Dass wir nach vorne ordentlich kombinieren können, haben wir auch schon gezeigt. Wir haben es konsequent zu Ende gespielt und drei überragende Tore gemacht. Die können in jedes Lehrbuch genommen werden“, sagte Müller und es klang so selbstverständlich, wie es auf dem Hamburger Rasen ausgesehen hatte. „Das werden auch ein paar Leute außerhalb von Deutschland gesehen haben“, antwortete der Oberbayer auf die Frage, welches Signal von diesem Sieg ausgehe.

Vor allem werden es sich die Spanier ansehen. Die spielen nahe an der Perfektion, sind 2008 Europa- und 2010 Weltmeister geworden, jeweils nach Siegen über die Deutschen. Sie haben in Andres Iniesta und Xavi Hernández die großen Spielerpersönlichkeiten der Neuzeit, aber diesen Thomas Müller kennen sie schon mal deshalb nicht, weil er für das WM-Halbfinale in Durban gesperrt und zwei Jahre zuvor beim EM-Endspiel von Wien noch gar nicht auf dem internationalen Radar war.

Vielleicht also werden sie ihn im kommenden Sommer kennenlernen, bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Und vielleicht werden sie feststellen, dass sie – bei aller Qualität in ihren Reihen – einen solchen Spieler nicht haben. Nicht traurig sein, liebe Spanier! Auch Deutschland hatte so einen Müller noch nicht. Einen solchen Spieler gab es noch nie. Thomas Müller hat sich praktisch selbst erfunden.

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