Einhandsegler : Wenn Meeresgötter tanzen

Flautenlöcher, Mastbrüche und höchstens 20 Minuten Schlaf am Stück: So rasen Einhandsegler um die Welt.

Kai Müller

Allein an Bord eines Schiffes die Welt zu umrunden, kann ein Fluch sein – und ein Segen. Ein Segen, weil niemand die Fehler sieht, die bei einer solchen Reise notgedrungen zu Tage treten. Ein Fluch, weil selbst die grandioseste Natur nichts bedeutet, „wenn man sie mit niemandem teilen kann“, wie es in Jon Krakauers – kürzlich verfilmtem – Bestseller „In die Wildnis“ heißt. Dennoch: Die Einsamkeit macht dem Solosegler weniger zu schaffen als es ein Gefährte tut. Das Meer macht ihn zu einem schlechten Gesellschafter: schweigsam, impulsiv, perfektionistisch und eigenwillig. Da ist es besser, mit sich alleine zu bleiben.

Der menschliche Faktor dürfte denn auch ausschlaggebend sein dafür, dass der Franzose Jean-Pierre Dick und sein irischer Kollege Damian Foxall das Barcelona World Race gewonnen haben. Am späten Montagabend überquerte die „Paprec-Virbac 2“ die Ziellinie vor der katalanischen Metropole, 92 Tage, 8 Stunden und 49 Minuten, nachdem die neun Teilnehmer von dort zu ihrer Non-Stop-Regatta um den Globus aufgebrochen waren – zu einer maritimen Hetzjagd, die es so noch nie gegeben hat. Erstmals in der Geschichte der Open-60-Klasse traten auf einer so langen Strecke Zweierteams gegeneinander an.

Der 18 Meter lange Bootstyp ist auf die Fähigkeiten von Einhandseglern ausgelegt. Sämtliche Handgriffe an Bord können von einer Person ausgeführt werden. Statt sich mit kraftraubenden Segelwechseln abzuplagen, wird das Tuch eingerollt oder fällt automatisch in Taschen, die sein Auswehen verhindern. Unter Deck sitzen die Segler wie Piloten vor elektronischen Apparaturen in einer Wohnkammer, während eine Selbststeueranlage das Gefährt auf Kurs hält. Mehr als 20 Minuten Schlaf am Stück sind nicht zu haben. Drei Monate lang.

Doch Rennen über die Weltmeere finden selten statt. Da die Clique der Einhand-Profis wächst und potente Geldgeber ins Geschäft drängen, ist mit dem Barcelona World Race ein neuartiges Hochseerennen kreiert worden. Es erlaubt dem Skipper, einen zweiten Mann mitzunehmen, auch darf er unterwegs anhalten. Für viele Teilnehmer ist es ein Probelauf für das Vendée Globe, das im Herbst von Les Sables d’Olonne (Frankreich) startet. Ein willkommener Härtetest, um die Boote in dem Teil der Erde ans Limit zu bringen, für den sie konstruiert wurden: dem Südozean. Dort, wo selbst im Sommer Orkane wüten und sich die Wellen bis zu 25 Meter hoch auftürmen, erreichen die Racer Spitzengeschwindigkeiten von 30 Knoten.

Flach wie ein Surfbrett flitzen die acht Tonnen Gewicht übers Wasser, angetrieben von einer maximalen Segelfläche von 600 Quadratmetern. Der Speed ist für die Insassen eine Tortur, der Lärmpegel in den dünnwandigen Fiberglas-Carbon-Rümpfen beträgt 120 Dezibel.

Als am 11. November 2007 neun Teams die Startlinie vor Barcelona überqueren, haben sich einige Paare noch nicht gefunden. So gehen die favorisierten Franzosen Vincent Riou und Koskipper Sébastien Josse skeptisch ins Rennen. „Ich weiß“, sagt Riou, „dass wir uns irgendwann sortieren werden, wenn wir auch nicht wissen, wie.“ Immerhin: Das Schiff ist eine sichere Bank. Es ist von Bruce Farr gezeichnet, einem der besten Bootsdesigner überhaupt. Farr entwirft die Linien der America’s Cupper und beinahe aller Schiffe des Volvo Ocean Race. Nun sucht er den Erfolg in einer Klasse, die bislang von spezialisierten französischen Konstrukteuren dominiert wurde. Es klappt. Das Siegerboot „Paprec-Virbac 2“ stammt ebenfalls von ihm.

Gewinner Jean-Pierre Dick, mit 24 Jahren ein Späteinsteiger, ließ sich als erster einen Open 60 von Farr entwerfen. Dessen Designsprache weicher, gerundeter Formen öffnet den Typ für den Massenmarkt und stärkt die Allround-Fähigkeiten der Boote. Nun sind sie mehr für die wechselhaften Bedingungen des Atlantik geeignet, statt als reine Vor-dem-Wind-Sauser zu fungieren.

Doch im Rennen zeigt sich, dass es auch auf etwas anderes ankommt. Riou und Josse brechen gleich nach dem Start durch die Armada der Begleitboote, um den Weg abzukürzen. Ein riskantes Manöver, denn nur ein Fahrzeug, das nicht ausweicht, wäre das Aus. Aber ihr Mut wird belohnt. Ihr Boot „PRB“ setzt sich an die Spitze, dicht gefolgt von „Paprec-Virbac 2“. Bei der „Schlacht von Malaga“, wie Jean-Pierre Dick den Zweikampf in der Straße von Gibraltar später nennt, bleiben die Führenden in einem Flautenloch hängen; das französisch-irische Duo zieht vorbei. Auf den verbleibenden 28 000 Meilen wird „Paprec-Virbac 2“ nicht mehr eingeholt. Zunächst zwingt ein Mastbruch 600 Meilen südlich von Kapstadt Riou zur Aufgabe. Dann fallen drei weitere Teams nach Ruderschäden und Mastbrüchen aus. Besonders hart trifft es die französische Crew von „Delta Dore“. Tausend Meilen sind sie von jedem Land entfernt, als eine Bö die komplette Takelage abrasiert. Das Boot treibt hilflos vor den Wellen. Ein Hilfstrupp schleppt die Havarierten nach Südafrika.

Aber die Ozeanhatz kann auch Spaß machen. Das zeigen die Bord-Videos von Roland Jourdain. Obwohl der Open- 60-Veteran und sein Mitsegler aufgeben mussten, sieht man sie als Meeresgötter verkleidet durchs Bild tanzen. So viel Freude an der Zweisamkeit darf es schon sein.

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