Sport : Einst spielten sie auf Gras

England muss in der EM-Qualifikation in Russland auf Kunstrasen antreten

Markus Hesselmann[London]

Der Star ist der Platz. In England geht es in diesen Tagen fast nur um das Moskauer Luschniki-Stadion und seinen inzwischen schon legendären „Astroturf“. Der hochtrabende Begriff steht im Englischen für das, was man im Deutschen schlicht als „Kunstrasen“ bezeichnet. Der Moskauer Kunstrasenplatz jedenfalls, auf dem sich Russland und England heute in der EM-Qualifikation gegenüberstehen, lässt die Engländer nicht ruhen. Wollen die Russen sie damit verunsichern? Können die englischen Spieler auf dem ungewohnten Boden bestehen? Haben die Russen noch mehr Überraschungen auf Lager? Wollen sie zum Beispiel den Platz beim Aufwärmen der Teams trocken halten, um ihn dann mit Sprinklern unter Wasser zu setzen, zur endgültigen Verwirrung der Gäste? Englische Medien befürchten in diesen Tagen hinter jedem künstlichen Moskauer Grashalm eine Verschwörung – in einer Zeit, in der die russisch-britischen Beziehungen wegen des Mordes am früheren KGB-Mann Alexander Litwinenko und der russischen Weigerung, den Tatverdächtigen auszuliefern, ohnehin nicht gut sind.

England liegt in der Tabelle fünf Punkte vor Russland, allerdings hat das Team von Trainer Guus Hiddink noch ein Spiel mehr auf dem Programm. Gewinnen die Russen, dann können sie am nächsten Spieltag mit einem Sieg in Israel an den dann spielfreien Engländern vorbeiziehen und im letzten Spiel in Andorra aus eigener Kraft die EM 2008 in Österreich und der Schweiz erreichen. Gewinnen die Engländer, dann sind sie gemeinsam mit dem diesmal spielfreien Tabellenführer Kroatien qualifiziert. Bei einem Unentschieden können sie es in ihrem letzten Spiel daheim gegen Kroatien aus eigener Kraft schaffen. Vom Kunstrasen in Moskau hängt einiges ab.

Und was meint der Mann, der verantwortlich ist für das englische Team? Hält der Nationaltrainer den Moskauer Platz für ein Problem? „Überhaupt gar nicht“, sagt Steve McClaren, eine Spur zu laut, so, als müsse er sich selbst noch davon überzeugen. „Wir kennen die Forschungsergebnisse“, sagt McClaren, ohne dass bei dem pompösen Begriff Ironie durchklingt. Eine Studie habe hundert Spiele analysiert und keinen Unterschied zwischen Kunstrasen und Naturrasen feststellen können. Immerhin sitzt ein echter Rasenexperte in McClarens Managementteam. Kotrainer Terry Venables hat vor fast 40 Jahren – er spielte damals für Queens Park Rangers – als Koautor einen futuristischen Roman geschrieben. Titel: „They used to play on grass“ (Einst spielten sie auf Rasen). Aus der Sicht der späten sechziger Jahre blickt Venables in eine Zukunft mit kühnen, stählernen Stadionkonstruktionen und Kunstrasenplätzen. Gut ein Jahrzehnt später ließ Venables, inzwischen Trainer bei QPR, im Stadion Loftus Road selbst einen Kunstrasen verlegen. Der Londoner Klub hoffte, dass damit die Zeit der vom britischen Regen durchtränkten Schlammplätze vorbei sei. Klubs wie Luton oder Preston folgten dem Beispiel. Doch die Technik war noch nicht ausgereift. Auf dem härteren Boden versprangen viele Bälle, und die Verletzungsgefahr galt als deutlich höher. Der englische Fußballverband ordnete an, wieder echten Rasen zu säen. Europas Fußballverband Uefa erlaubt die heute deutlich verbesserten Kunstrasenplätze, der Weltverband Fifa propagiert sie sogar.

Russlands Kapitän Andrej Arschawin riet den Engländern laut „Daily Mail“, sich lieber um die eigenen Grashalme zu kümmern. Er hält den glitschigen Naturrasen von Wembley für viel schlimmer als den Moskauer Astroturf. Das Hinspiel in Wembley verlor Russland 0:3. „Wir hatten ein Problem mit dem Platz“, sagt Arschawin. Estlands Trainer Viggo Jensen, nach dem 0:3 seines Teams in Wembley um seine Meinung befragt, sieht die ganze Rasendebatte so: „Wenn die Spieler sich zu viele Sorgen um den Platz machen, dann haben sie wirklich ein Problem.“

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