Sport : Eisbären: Spielzeit abgelaufen

Claus Vetter

Ein Eishockeyspiel dauert 60 Minuten, Martin Müller hatte am Sonntag aber schon nach 45 Minuten genug gesehen. Nach dem vierten Tor der Eisbären gegen die Hannover Scorpions spielte der Generalbevollmächtigte des EHC mit dem Gedanken, seinen Tribünenplatz zu verlassen: "Ich hatte da so eine Vorahnung." Müller blieb trotzdem sitzen. Ein Fehler, denn nun hatte er gemeinsam mit 3300 Zuschauern im Sportforum Hohenschönhausen das zweifelhafte Vergnügen, Zeuge denkwürdiger sieben Minuten zu werden. Hatten die Eisbären bis zur 53. Minute äußerst passabel ausgesehen, lief auf einmal gar nichts mehr: Zwei Gegentore in Überzahl, jeder Schuss der Gäste ein Treffer. Aus dem 4:1 wurde eine 4:5-Niederlage. Und da fiel Müller fast vom Sitz. "Das war die absolute Krönung", schimpfte er, "jetzt ist Schluss."

"Schluss" war für Glen Williamson trotz des Horrorszenarios vom Sonntag am Montag noch nicht. Dafür wurde aber eifrig über und mit dem Trainer diskutiert: Am Nachmittag hatte Müller eine Unterredung mit Williamson und Kotrainer Rich Gosselin. "Da muss etwas passieren", sagte der Generalbevollmächtigte, "die müssen wachgerüttelt werden. Wir können nicht immer nur sagen, wir haben gut gespielt." In der Tat, die Hilflosigkeit von Williamson war gegen Hannover einmal mehr nicht zu übersehen. Als der Trainer in der Schlussphase eine Auszeit anberaumte, wollte mancher seiner Akteure von den Ausführungen des Chefs nichts hören. Stürmer Alex Hicks kommentierte die Ratschläge Williamsons gar mit einer abfälligen Handbewegung. Und wirkte der Coach schon beim Spiel überfordert, so fiel ihm hinterher noch weniger ein. "Wir müssen versuchen, Vertrauen zu gewinnen. Und das kommt nur mit dem Gewinnen", war von ihm zu hören. Hannover sei ein starkes Team, da könne man schon mal verlieren.

Ob der Kanadier beim EHC noch lange derlei Belanglosigkeiten von sich geben darf, scheint fraglich. Dabei hatte Williamson bei Amtsantritt außergewöhnliche Akribie bewiesen, sich gar Essays über Berliner Journalisten anfertigen lassen. Doch diese Akten dürften ihm nun wenig nützen, die Lage ist zu prekär: Play-off-Kandidat Eisbären trennen nur zwei Punkte vom Schlusslicht. "Sicher sind wir kein Team, das auf Platz eins oder zwei stehen müsste", weiß Kapitän Marc Fortier, "aber mehr als den vorletzten Platz kann man schon verlangen." Was passiert nun, wenn sich die Eisbären am kommenden Wochenende noch weiter von höheren Regionen entfernen? "Das kann sich jeder an fünf Fingern abzählen", sagt Müller, die Gesetze der Branche würden dann greifen. "Fakt ist, dass in der Mannschaft Substanz steckt. Aber da muss von Seiten des Trainers mehr Druck rein." Den Fehler mit personellen Entscheidungen zu lange zu warten, habe man bereits in der letzten Saison gemacht. "Die Schonfrist ist vorbei", sagt Müller.

In Spielerkreisen will man indes nicht über eine Ablösung von Williamson spekulieren. Marc Fortier - derzeit verletzt - war als Augenzeuge am Sonntag "genauso traurig und böse wie die Fans." Wenn man ein 4:1 derartig leichtfertig verspiele, dann sei das nicht Schuld des Trainers. "Wir waren nicht clever genug," meint Fortier, "ich hoffe, dass wir als Mannschaft den Charakter haben, auf das Spiel gegen Hannover am nächsten Wochenende zu reagieren."

Dann wird Williamson noch hinter der Bande stehen, gestern wurde bei den Eisbären noch nicht von einem neuen Trainer gesprochen. Immerhin wurde laut über einen neuen Spieler nachgedacht. Einen Stürmer wolle man verpflichten, und zwar möglichst schnell, sagte Martin Müller. Wer dies sein wird, wollte er nicht verraten, was von dem neuen Akteur verlangt wird, hingegen schon. "Wir brauchen jemand, der Tore schießen kann und die anderen mitreißt", sagte Müller, "jemanden, der unbefangen an das Thema rangeht. Und der muss natürlich 60 und nicht nur 53 Minuten gut spielen können."

0 Kommentare

Neuester Kommentar