Eishockey-Großmacht USA : Abstiegsrunde statt WM-Finale

Das US-Eishockeyteam ist die große Enttäuschung bei der WM in Deutschland. Als Mitfavorit angereist, musste der Olympiazweite in der Abstiegsrunde sogar um den Klassenerhalt zittern.

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Ins Straucheln geraten. Das hochgehandelte US-Team spielte bei der WM nicht um die Medaillen, sondern gegen den Abstieg. Hier fliegt T.J. Galiardi beim 3:2-Sieg gegen Italien über Gegenspieler Trevor Johnson.
Ins Straucheln geraten. Das hochgehandelte US-Team spielte bei der WM nicht um die Medaillen, sondern gegen den Abstieg. Hier...Foto: ddp

Die Tage in Deutschland waren unangenehm für Jack Johnson. Auf und abseits der Eisfläche. Das muss man ja erst einmal erklären können, diesen Absturz. Der Kapitän der US-amerikanischen Eishockey-Nationalmannschaft überlegt kurz, lächelt gequält und sagt: "Die Eishockeygötter waren nicht mit uns." Vor knapp drei Monaten schrammte das Team USA bei den Winterspielen von Vancouver knapp an olympischem Gold vorbei. Nun, im Mai bei der Weltmeisterschaft in Deutschland, schrammten die USA knapp am Abstieg vorbei. Mit dem packenden Finale von Vancouver, das die USA erst nach Verlängerung 2:3 gegen Kanada verloren, hatte das Trauerspiel in der Kölnarena nichts mehr zu tun. Die Amerikaner mühten sich im letzten Spiel der Abstiegsrunde zu einem 3:2 gegen Italien. Nach Penaltyschießen!

Über eine halbe Millionen Menschen spielen in den USA Eishockey, in Italien sind es 6500 organisierte Spieler. Ein Kräfteverhältnis, das sich in Köln im Duell amerikanischer Dollar-Millionäre gegen zweitklassige europäische Profis nicht widerspiegelte. Italien führte sogar im letzten Drittel 2:1. Der Druck in der Abstiegsrunde habe eben zu Verkrampfungen geführt, sagte Brandon Dubinsky, Stürmer von den New York Rangers. "Ich weiß nicht, ob jemals schon ein US-Team abgestiegen ist. Jedenfalls wollte keiner von uns Spielern Teil des ersten Teams sein, das dies schafft." Immerhin sei der Klassenerhalt geschafft worden.

Die USA gewinnen im Junioren-Eishockey fast alle Weltmeistertitel

Die amerikanische Blamage bei der WM in Deutschland war eine der Überraschungen des Turniers. Die USA gelten als die kommende Eishockeynation, gewinnen im Junioren-Eishockey inzwischen zuverlässig in fast allen Alterklassen die Weltmeistertitel. In Vancouver bewiesen sie mit ihren jungen Team, wie weit sie schon sind. "Bei Olympia war das eben unsere stärkste Mannschaft", sagt Johnson. "Bei der WM war es eben nicht unser stärkstes Team. Ich bin der Einzige, der aus Vancouver noch dabei war." Außerdem sei in Deutschland offensichtlich geworden, dass viele Nationen aufgeholt hätten. Es ist wohl so, dass Nordamerika, und besonders die NHL, Entwicklungshilfe für die kleineren Eishockeynationen geleistet haben. Inzwischen spielen sogar Dänen in der NHL.

Sich im Vorfeld der WM selbst zum Favoriten auf den Titel zu erklären, sei ein Fehler gewesen, sagt US-Kapitän Johnson. Man habe das Turnier unterschätzt. Das illustrierte sich bei den Amerikanern schon vor der WM-Eröffnungspartie von Gelsenkirchen. Da schauten sich die NHL-Profis am Tag vor dem Spiel gegen Deutschland sehr locker wirkend die umgebaute Fußballarena an, witzelten über Schalke 04 und zeigten sich dem Klischee entsprechend unbedarft in deutschen Sportsitten. Schalke? Kennen wir nicht. Soccer? Ja, schon mal von gehört, aber das ist bei uns in den USA nicht so das Ding. "Aber dieses Schalke muss ja ein toller Klub sein, wenn der in so einer großen Halle spielt", witzelte einer ihrer Profis.

Einen Tag später haben die Amerikaner die Deutschen und ihre knapp 80.000 Anhänger unterschätzt und 1:2 nach Verlängerung verloren. "Wir hatten zwar Gegenwehr erwartet", sagt Jack Johnson, "aber sicher hatten wir nicht erwartet, zu verlieren." Es war der Beginn einer negativen Dynamik, welche die USA nach weiteren Niederlagen gegen Dänemark und Finnland bis in die Relegationsrunde abstürzen ließ - in der am Ende größtmöglicher Schaden abgewendet wurde. Johnson sagt: "Wir sind alle froh, dass es vorbei ist. Und wir können alle sagen, dass wir gelernt haben, dass es manchmal im Sport auch gut sein kann, wenn man sich nach außen bescheiden gibt."

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