Eishockey-WM : Ohne Schirm im Prasselregen

Das deutsche Eishockeyteam verliert beim 1:10-Debakel gegen Kanada alle Hoffnungen, die es sich vor der WM gemacht hatte.

Jörg Timm[Halifax]

Möglicherweise hatte Sven Felski schnell einen Blick nach draußen riskiert. Es regnete in Strömen in Halifax an diesem denkwürdigen Tag. „Es kann nicht immer nur die Sonne scheinen“, sagte der Berliner, als er um eine Erklärung für das schlimmste WM-Debakel einer deutschen Eishockey-Nationalmannschaft seit 22 Jahren gebeten wurde: „Es ist auch mal ein Regentag dabei.“

Für Felski und seine Kollegen schüttete es bei der WM in Kanada aber geradezu wie aus Kübeln. Die Mannschaft, die fünf Tage zuvor noch den ehemaligen Weltmeister Slowakei überraschend besiegt und Hoffnungen auf das WM-Viertelfinale geweckt hatte, ließ sich beim 1:10 von der NHL-Auswahl des Gastgebers willen- und widerstandslos auseinandernehmen. Keine Ordnung, kein Konzept, noch nicht einmal Einsatzwillen und Kampfgeist – alles das, was sie seit dem Amtsantritt von Bundestrainer Uwe Krupp vor zweieinhalb Jahren immer ausgezeichnet hatte, fehlte.

Dass der plötzliche Wetterumschwung mit den äußeren Einflüssen, dem Dopingtestwirbel um Florian Busch, der Affäre um den nicht regelkonform eingesetzten Jason Holland und dem Krach mit den eigenen Fans, zu tun haben könnte, wies Felski aber zurück. „Damit hat es gar nichts zu tun“, sagte der 33-Jährige, „es ist scheißegal, was draußen passiert. Wir sind alle Profis und lange genug dabei, um zu wissen, wie man mit sowas umgeht.“

Auch sein Berliner Klubkollege Stefan Ustorf bestätigte die Aussage Felskis, und es klang so, als habe man sich in der Kabine auf diese Sprachregelung geeinigt. „Ich gehe weiter davon aus, dass es nicht gestört hat“, meinte Ustorf, obwohl die desolate Leistung auf dem Eis eindeutig anderes ausgesagt hatte. Der Rückkehrer machte in seinem Wetterbericht sogar noch andere Phänomene aus. „Da kommt eine Lawine auf dich zugerollt, die kannst du nicht mehr stoppen.“

Aus der Leistungsentwicklung der vergangenen Woche wollte Ustorf vor dem bedeutungslosen letzten Spiel in der Nacht zum Dienstag gegen Lettland aber noch keinen Abwärtstrend herauslesen. „Ich werde jetzt auf keinen Fall sagen, das deutsche Eishockey ist wieder auf dem Weg nach unten“, meinte der Berliner, „das wäre überanalysiert.“

Auf eine Analyse am liebsten verzichten wollte Bundestrainer Krupp. „Das war so lächerlich schlecht, das kannst du fast nicht ernstnehmen. Dafür gibt es keine Worte. Man muss schon fast Humor haben, anders kann man damit nicht umgehen“, sagte der ehemalige NHL-Profi, der sich nach einigem Nachdenken an ein ähnliches Debakel in seiner Karriere erinnern konnte: „Mit Buffalo habe ich 1987 oder 1988 mal 1:9 gegen Quebec verloren. Das war auch so ein rabenschwarzer Tag.“

Der schwarze Samstag von Halifax war allerdings nicht nur ein einmaliger Ausrutscher, sondern der vorläufige Tiefpunkt einer Talfahrt, die mit dem 2:3 gegen Norwegen begann. „Das tut viel mehr weh als die zehn Tore von Kanada“, gab Ustorf zu. An jenem chaotischen Mittwoch, als zunächst eine Sperre für Busch und dann ein Punktabzug wegen des Einsatzes des früheren Kanadiers Holland drohten, gab die deutsche Mannschaft ihre gute Ausgangsposition im Kampf um den Viertelfinaleinzug und die direkte Olympia-Qualifikation aus der Hand. „Das Viertelfinale war hier nicht das Ziel“, sagte zwar Sportdirektor Franz Reindl, dessen Rücktritt die Fans gefordert hatten. „Aber man hofft ja immer.“

Möglicherweise liegt es sogar an der Zusammensetzung der Mannschaft. Im Vorjahr, als sie als Aufsteiger auf Platz neun stürmte, war kein einziger Profi aus der NHL dabei – diesmal wirkte das Team mit fünf Nordamerika-Profis nicht so homogen. „Wir hatten letztes Jahr einen sehr, sehr guten Lauf mit vielen Spielern, die Akzente im Weltklassebereich gesetzt haben“, sagte Reindl. „Hier passte es nicht so zusammen.“

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