Sport : Eiskalte Euphorie

Die Eisbären sind vor dem ersten Finalspiel gegen Frankfurt angespannt – die Fans rechnen fest mit dem Titel

Claus Vetter

Berlin. Der Morgen davor beginnt ungewohnt unruhig beim EHC Eisbären. Zumindest auf den Rängen im Sportforum Hohenschönhausen. Über 100 Kinder erstürmen während des Trainings der Eishockey-Profis die blauen Sitzschalen auf der Tribüne. Das Ostercamp des Fußballklubs BFC Dynamo ist angerückt. „Eine sinnvolle Feriengestaltung“ absolviere man mit den jugendlichen Kickern, erklärt ein Betreuer. Das mit den Eisbären, das sei doch eine tolle „Einlage“. Es sei doch „ein Erlebnis, hier mal reinzuschauen“. Gestern hatten nicht nur die Nachwuchsfußballer diese Idee. Das öffentliche Interesse am Berliner Klub aus der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) ist dieser Tage größer denn je. Es schauten weit mehr Menschen in der betagten Arena der Eisbären vorbei als sonst. Kein Wunder, denn heute stehen die Berliner vor einem der wichtigsten Spiele ihrer Geschichte. Ab heute geht es in der Finalserie gegen die Frankfurt Lions um die deutsche Meisterschaft.

Meisterschaft? Nein, darüber sprechen die Spieler der Eisbären nicht so gern im Vorfeld der nach dem Modus Best of five gespielten Serie, die die Berliner heute mit einem Heimspiel gegen die Lions beginnen. Florian Keller hat sich als Erster vorbeigeschlängelt an den jugendlichen Autogrammjägern. Auf dem Weg zur Kabine sagt der Stürmer: „Am Donnerstag muss ein Sieg her. Aber wir dürfen nicht auf Teufel komm raus drauflosstürmen. Wir müssen so überlegt spielen wie im Viertelfinale und im Halbfinale. Genau so muss es weitergehen.“

Es spricht eigentlich nichts dagegen. Bis auf Sven Felski, der noch eine Sperre absitzen muss, kann Trainer Pierre Pagé heute auf alle seine Spieler zurückgreifen. Verteidiger Rob Leask ist nach überstandener Adduktorenzerrung wieder mit dabei. Physisch fit sind die Berliner, psychisch sollten sie das auch sein: Sie haben in ihren Play-off-Serien gegen Düsseldorf und gegen Ingolstadt das Gefühl des Verlierens nicht kennen gelernt. Die Halbfinalserie der Frankfurter gegen Hamburg ging dagegen über fünf Spiele, die Eisbären durften seit Dienstag vergangener Woche pausieren, haben sich fünf Tage länger vorbereiten können als der Gegner.

„Wir konnten uns ausruhen“, sagt David Roberts. Und dann hält er einen Moment inne. Der Stürmer aus den USA ahnt, was jetzt kommt. Die Frage danach, ob Frankfurt nicht vielleicht einen Lauf hat und den Schwung aus der Serie gegen Hamburg ins Finale hinüberretten kann. Roberts lacht. „Die Frankfurter sind erschöpfter als wir. Ich bin lange genug Profi, ich weiß, was das bedeutet“, sagt der Stürmer der Eisbären. „Aber wir sollten uns nicht mit deren Form beschäftigten. Es geht für uns darum, mentale Fehler zu vermeiden, wenige Strafen zu kassieren, dann klappt das schon.“

Das Wort Meisterschaft nimmt auch Roberts nicht in den Mund. Dabei fehlen den Eisbären nur noch drei Siege, und sie stünden da, wo in Berlin seit der Wiedervereinigung kein Eishockey-Klub gestanden hat und wo im Westen der Stadt zuletzt 1976 der Schlittschuh-Club stand: ganz oben. Aber starke Sprüche sind wohl in diesem Stadium der Saison nicht mehr zu erwarten. Die Spieler wirken entschlossen, aber auch angespannt. Und der Trainer? Der schlägt nach dem Training seinen Ordner auf. „Frankfurt musste hart arbeiten, um ins Finale zu kommen“, sagt Pagé. Ach ja? Der Übungsleiter versucht seine Aussage mit statistischen Werten zu untermauern. Er vergleicht. Eisbären und Lions. Strafzeiten, Überzahl, Unterzahl und so weiter. Das ist nun mal sein Job, aber selbst der Fachmann Pagé scheint das nicht besonders unterhaltsam zu finden. Natürlich, auch er ist nervös.

Im Umfeld der Eisbären dagegen ist von Nervosität keine Spur, die Euphorie um den Klub ist groß. Das Stadion der Berliner ist viel zu klein. Nur 5000 Zuschauer passen rein, doch der Ansturm ist größer. In der Not wurde neben der Halle ein riesiges Zelt errichtet. Auf einem Großbildschirm sollen dort 700 Fans das erste Endspiel verfolgen. Manager Peter John Lee seufzt. „Wenn wir jetzt schon unsere neue Halle am Ostbahnhof hätten…“, sagt er. Ja, dann würden heute wohl über 16 000 Zuschauer zuschauen. So allerdings verläuft für viele Fans der Kampf um eine Eintrittskarte erfolglos.

Die Karten haben einen enormen Wert. Als Trainer Pierre Pagé gestern nach dem Training feststellen muss, dass die Polizei mit der Wahl seines Parkplatzes nicht einverstanden ist, schlägt Lee seinem Trainer vor: „Gib denen doch einfach ein Ticket für Donnerstag.“ Pagé lacht kurz. Dann weicht die Spannung aus seinen Gesichtszügen, er sagt: „Ich glaube, wir sagen es alle auf verschiedene Art. Dabei ist es doch jedem klar, was wir wollen. Wir müssen den Job zu Ende bringen. Unsere Mitarbeiter, meine Spieler und viele Menschen aus Berlin, die wollen nur das eine: dass die Eisbären zum ersten Mal Meister werden.“

Spielbeginn ist 19.30 Uhr. Premiere überträgt ab 19.15 Uhr live, RBB zeigt um 22.45 Uhr eine Zusammenfassung.

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