Eiskunstlauf : Geschrumpfte Übergröße

Eiskunstläufer Stefan Lindemann beendet bei Olympia seine Karriere. Nach körperlichen und seelischen Verletzungen möchte er nur noch eins: einen würdigen Abschied.

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Der letzte große Auftritt. Stefan Lindemann hat sich nach vielen Rückschlägen wieder herangekämpft. -Foto: dpa

Berlin - Die Idee mit dem Umzug, die hat ihm Viola Striegler intensiv ausgeredet. Stefan Lindemann wohnt immer noch im Sportinternat Berlin-Hohenschönhausen, ein großes Zimmer mit Bad. Nichts Aufregendes, deshalb wollte er ja auch eine neue Wohnung. Aber bitte nicht vor Vancouver, erwiderte seine Trainerin, „du brauchst deine ganze Energie für die Olympischen Spiele“.

Die braucht der Eiskunstläufer Lindemann schon deshalb, weil Olympia sowieso etwas Besonderes ist. Aber diesmal geht es um mehr. Lindemann beendet in Vancouver seine Karriere, er will diesen Wettkampf nochmal „genießen“. Aber dieser Auftritt soll auch die trotzige, demonstrative Antwort auf so vieles sein. Auf seinen Körper, der ihm lange signalisierte: Hör auf. Auf seine Kritiker, die ihn belächelten oder seelisch verletzten. Und ganz abstrakt auf dieses öffentliche Bild, das ihn zeitweise fast erdrückte. Für Lindemann geht es auch um einen würdigen Abschied.

Sein größter Moment war der Beginn seiner Leiden. Im Frühjahr 2004 stand der nur 1,63 Meter große Stefan Lindemann im Lichtkegel der Dortmunder Westfalen-Halle, gefeiert von 12 000 begeisterten Zuschauern und Millionen am Fernsehschirm. Das ZDF hatte live übertragen. Eine atemberaubende Atmosphäre. Stefan Lindemann, der kaum bekannte Erfurter, hatte sensationell Bronze bei der Weltmeisterschaft gewonnen. Die ganze Szenerie erhob ihn zu einer sportlichen Bedeutung, die er nicht hatte. Dortmund, das war die Kür seines Lebens, das war die Heim-WM, das waren Preisrichter, die es gut mit ihm meinten. Er war ein Augenblicksstar, er hatte weder Ausstrahlung noch Nervenstärke, um dauerhaft die sportliche Übergröße zu spielen. Aber genau in diese Rolle schoben sie ihn, Fans, Trainer, Medien.

Bei der EM 2005 holte er noch Bronze, aber schon bei der WM 2005 landete er nur auf Platz zwölf. Trotzdem wurde er vor den Olympischen Spielen 2006 noch als Medaillenkandidat gehandelt, die Erwartungen galten dem Mann, der zwei Jahre zuvor WM-Bronze gewonnen hatte. Aber die Erwartungen erdrückten den kleinen Läufer. Lindemann landete auf Rang 21. Er fand keine Sponsoren, litt unter den zunehmend härteren Kritiken, verletzte sich und trennte sich von seiner langjährigen Trainerin Ilona Schindler. In Berlin suchte er einen sportlichen Neuanfang. Aber Heimat, menschliche Heimat, das blieb für ihn Erfurt. Er startete ja weiter für seinen alten Klub.

Doch in Erfurt sahen sie ihn als Verräter, nichts traf den sensiblen Lindemann härter als diese Abwendung. Als er mal in Dortmund bei der NRW-Trophy patzte, da beobachtete er Erfurter Vereinsmitglieder an der Bande. Später sagte er verbittert: „Da haben sich schon einige gefreut, dass mir nicht so viel gelungen ist.“ Nicht mal zur Weihnachtsfeier hatten sie ihn eingeladen. „Die haben nicht begriffen, dass ich mich immer noch als Erfurter empfinde, bis heute“, sagt er, eingehüllt in eine schwarze Trainingsjacke.

Dann die Verletzungen. Achillessehne operiert, beide Leisten operiert, bakterieller Infekt, zwei Jahre fiel er aus. „Ich hör auf“, schoss es ihm durch den Kopf, „ich kann nicht mehr.“ Aber so wollte er nicht abtreten, das Bild der Übergröße wäre endgültig zerstört gewesen. Seit Februar 2009 trainiert er wieder, er ist seither verletzungsfrei und arbeitete sich auf ein Niveau, das ihn zumindest mithalten lässt. Platz neun bei der EM, sagt er, „war okay“.

Natürlich peilt er in Vancouver keinen Spitzenplatz an, das wäre illusorisch. „Stars wie Jewgeni Pluschenko bekommen von vornherein mehr Punkte, das ist halt so“, sagt der 29-Jährige so selbstverständlich , als redete er über die klirrende Kälte. Schon Platz zehn wäre ein „Wahnsinnserlebnis“. Diesmal sieht ihn keiner als Medaillenkandidat, diesmal kann er genießen und sich zugleich auf seinen würdigen Abschied konzentrieren.

Dann taucht er endgütig in den Alltag ab, in Berlin will er Talente trainieren. Obwohl, noch eine Abschiedsgala – „Lindemann and friends, das wäre ein Traum“. Aber Viola Striegler ist gar nicht sicher, dass der Mann, der im Herzen Thüringer ist, überhaupt in Berlin bleiben wird. Eine schöne, große Wohnung jedenfalls muss er eigentlich gar nicht suchen, die besitzt er schon. In der Heimat, in Erfurt. Er hat sie nie aufgegeben.

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