Eisschnelllauf in der Krise : Claudia Pechstein: Leistungsträgerin mit 42

Claudia Pechstein kann und sagt viel in einem Sport, der in Deutschland fast nur noch von ihr selbst lebt. Und eine Nachfolgerin ist nicht wirklich in Sicht.

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Zurück auf dem Eis. Die 42 Jahre alte Claudia Pechstein startet am Samstag in Berlin in eine weitere Eisschnelllaufsaison. Foto: dpa
Zurück auf dem Eis. Die 42 Jahre alte Claudia Pechstein startet am Samstag in Berlin in eine weitere Eisschnelllaufsaison.Foto: dpa

Es war ein Moment, der Claudia Pechstein gefiel. Da stand die kleine Frau, kerzengerade. In Trainingskleidung, die weißen Kopfhörer um den Hals baumelnd. Als es zur Preisübergabe kam, lächelte sie schelmisch, den flotten Spruch im Anschlag. Das wievielte Mal sie als deutsche „Kufenflitzerin des Jahres“ ausgezeichnet worden sei, wurde Deutschlands beste Eisschnellläuferin gefragt. Pechstein: „Es gibt Statistiker, die sich um solche Sachen kümmern.“ Sie sei nur fürs Schnelllaufen zuständig. Als erste im Lande. Auch noch mit 42 Jahren. „Ich hoffe, dass die Jugend auch mal an der alten Pechstein vorbeiläuft“, sagt sie. „Aber ich kann versprechen, dass ich es ihnen nicht einfach machen werde.“

An Claudia Pechstein wird auch in dieser Saison keine deutsche Läuferin vorbeikommen. Die Berlinerin Bente Kraus ist schon froh, dass sie mit Pechstein trainieren darf. „Ich möchte immer dichter an sie rankommen“, sagt Kraus. „Vielleicht auch irgendwann an ihr vorbeilaufen.“ Aber bitte nicht vor Pyeongchang, Austragungsort der Winterspiele von 2018. Südkorea hat die Berlinerin fest im Plan. „Vier Jahre hin oder her, die gehen schnell vorbei. Ich habe noch sehr viel Spaß daran.“

Schwerer Verluste nach schwachen Spielen von Sotschi

Manchmal aber auch nicht: Denn das schwache Abschneiden der Deutschen bei den Spielen von Sotschi in diesem Jahr – Pechstein als Vierte über 3000 Meter und Fünfte über 5000 Meter noch die beste – hat die Szene erschüttert. Erstmals seit 50 Jahren gab es keine Medaille für deutsche Läufer. Das kostete Fördermittel und Sponsoren. Pechstein ärgert das. Als sie auf die Sponsorenwand der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) schaut, vor der sie ihre Ehrung in einem Berliner Hotel erhalten hat, sagt sie: Einer der Sponsoren auf der Wand sei gar nicht mehr Sponsor. „Wenn der Verband keine finanziellen Belastungen tragen kann, ist das nicht optimal.“

Bei der Saison-Vorbereitung mussten die Eisschnellläufer diesmal improvisieren, Trainingslager wurden aus Kostengründen gestrichen. „Es wird immer gesagt, wir haben kein Geld“, erzählt Pechstein. „Natürlich sind die Leistungen immer weniger geworden über die Jahre. Na gut, ich habe immer Leistung gebracht.“ Mangelndes Selbstbewusstsein ist nicht Pechsteins Problem. Vor dem Saisonauftakt am Sonnabend und Sonntag im Berliner Sportforum mit den nationalen Titelkämpfen (Beginn um 12 und um 10 Uhr) kämpft sie mit der Macht ihrer Prominenz auch gegen die ungelöste Personalsituation auf den wichtigsten Positionen der DESG. Sie moniert, dass in der Frage der Ablösung des Sportdirektors Günter Schumacher alles unklar sei. „Der ist immer noch im Amt, obwohl ich ihm mehrfach den Rücktritt nahe gelegt habe.“

Starke Präsenz bei ARD und ZDF als letzte Hoffnung

Es ist kein gutes Bild, das das deutsche Eisschnelllaufen zu Saisonbeginn abgibt. Die Stelle des Cheftrainers, die Markus Eicher innehat, ist ausgeschrieben. Es ist möglich, dass Eicher den Posten nach überstandener Krankheit weiter besetzt. Dazu kam am Freitag recht unvermittelt die Kunde vom Rücktritt Monique Angermüllers. Die Mittelstrecklerin beendet wegen ihrer Knieprobleme ihre Laufbahn.

International ohne große Erfolgsaussichten, von der Öffentlichkeit in den Stadien im Stich gelassen: Wäre da nicht die nach wie vor erstaunlich starke Präsenz in den Fernsehsendern ARD und ZDF, stünde es um die Sportart mit nur noch einem Star ganz schlecht. Von einer Nation wie den Niederlanden sind die deutschen Eisschnellläufer nicht nur die 23 Medaillen entfernt, die das Nachbarland in Sotschi mehr holte als die Deutschen. Dort wird in die Sportart investiert. So sehr, dass sich mancher dahinwünscht, wie der Chemnitzer Langstreckler Alexej Baumgärnter, der in einem niederländischen Privatteam trainieren will.

So weit ist es bei Pechstein nicht, aber sie träumt: „Einmal ein Jahr im holländischen Team sein, um zu wissen, wie das funktioniert.“ Aber daraus wird nichts, zumal sie einen „anderen Kampf zu führen“ hat. Ihr Schadenersatzprozess gegen den Weltverband wird am Donnerstag in München fortgesetzt. Pechstein wird dort sein. Auf mehr habe sie keinen Einfluss. Sie konzentriert sich auf den Sport. Und da wird sie während der Deutschen Meisterschaften wieder bei den Ehrungen lächeln dürfen. Garantiert.

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