Eisschnelllauf : Jenny Wolf: Mit Gold in den Urlaub

Eisschnellläuferin Jenny Wolf gewinnt überraschend bei der WM in Inzell und kann nun in Ruhe darüber nachdenken, wann sie aufhören möchte.

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Fahnenfest. Jenny Wolf konnte nach dem Rennen über 500 Meter ihren Sieg kaum fassen. Sie hatte mit einer guten Technik ihren schwachen Start wettgemacht.
Fahnenfest. Jenny Wolf konnte nach dem Rennen über 500 Meter ihren Sieg kaum fassen. Sie hatte mit einer guten Technik ihren...Foto: dpa

Aus den Hallenboxen dröhnte „So seh’n Sieger“ aus, eine Blaskapelle schmetterte mit voller Lungenkraft, und die Zuschauer applaudierten stehend. Jenny Wolf hielt eine Deutschlandfahne in der rechten Hand, strahlte wie ein glücklich beschenktes Kind und winkte mit der linken Hand zu den Fans. So sah die Siegerin aus, so präsentierte sich Jenny Wolf auf ihrer Ehrenrunde in der Inzeller Eishalle, so feierte sie ihr Gold über 500 Meter bei der Eisschnelllauf-Weltmeisterschaft. Eine Viertelstunde später saß sie in Turnschuhen auf einem Stuhl und erklärte selig: „Ich kann’s noch gar nicht verarbeiten.“

Wirklich? Das klang natürlich im ersten Moment etwas seltsam. Was war so ungewöhnlich an dieser WM-Goldmedaille? Es ist immerhin ihre vierte hintereinander, von 58 Weltcupsiegen ganz zu schweigen. Aber Inzell hatte nichts mit Statistik zu tun, Inzell war ein zutiefst emotionales Erlebnis. „Mein Mann, meine Familie, meine Freunde, alle sind da, es ist eine ganz besondere Atmosphäre“, sagte Wolf. Keine Sprinterin in der Welt hat in den letzten Jahren so häufig gewonnen wie Jenny Wolf, aber als alles vorbei war, da erklärte Mehrkampf-Bundestrainer Stephan Gneupel mit Glanz in den Augen: „Ihre Nervenstärke ist unglaublich. Dass sie diesem Erwartungsdruck standgehalten hat – ganz großes Lob.“

Diese WM war überladen mit Symbolik für Jenny Wolf. Sie sollte die Ehre der Deutschen retten bei deren Heim-WM, sie sollte das Gesicht des deutschen Eisschnelllaufs repräsentieren, sie sollte Revanche nehmen an Lee Sang-Hwa, der Südkoreanerin, die ihr ausgerechnet bei den Olympischen Spielen die Goldmedaille weggeschnappt hatte. Das war der äußere Druck. Und ihr Körper sorgte für einen Druck, den kaum ein Beobachter mitbekommen hatte. Seit Monaten leidet sie an muskulären Problemen, seit Wochen konnte sie im Kraftraum kein Hanteltraining mehr machen. „Was das für eine Sprinterin bedeutet, das kann sich jeder selber ausmalen“, hatte ihr Trainer Thomas Schubert vor dem Rennen erklärt.

Es bedeutete, dass ihre stärkste Waffe ihre Wirkung verlor. Denn Jenny Wolf lebte immer von ihrem explosiven Start, auf den ersten 100 Metern fuhr sie den Vorsprung heraus, der ihr später ihre zahlreichen Siege sichern sollte. Schon in den Weltcuprennen hatte sie vor dem Start gestöhnt, „habe ich doch oft nicht mehr so souverän gewonnen wie früher“. Jetzt musste sie eben „mit besserer Technik“ die geringere Startzeit kompensieren. Aber jeder Experte weiß, dass die 32-Jährige in der zweiten Kurve enorme technische Probleme hat.

Noch nie fühlte sie sich bei einem Topereignis in ihrer Vormachtstellung so bedroht wie in Inzell. Ein Sieg würde auch eine Botschaft an die Konkurrenz bedeuten. Und sie ist angekommen, die Botschaft. „Ich habe gezeigt, dass ich auch als Ältere noch gewinnen kann, obwohl ich nicht mehr mit 10,1 Sekunden angehe.“ Im ersten Lauf benötigte sie 10,3 Sekunden auf 100 Meter, im zweiten 10,2. Und die Südkoreanerin Sang-Hwa hatte sie natürlich auch besiegt. Die gewann Silber. Endlich eine Revanche für Olympia? „Ach nein“, sagte Wolf. „Richtig revanchieren kann man sich nur mit einer Olympiamedaille.“

Es war nur ein eher beiläufig eingeworfener Satz. Aber er berührte den Kern des beherrschenden Themas nach diesem Rennen. Macht sie weiter? Ein Jahr nur? Oder doch bis zu den Olympischen Spielen 2014? Jenny Wolf legt sich da nicht fest. Sie will jetzt in ihren Körper hören, sie will mit ihrem Ehemann, ihrer Familie, ihren Freunden reden. Auf jeden Fall müssen die Schmerzen vergehen, sonst hat es sowieso keinen Sinn.

Und drei Jahre bis Olympia in Sotschi sind eine verdammt lange Zeit. Wolf wäre dann 35 Jahr alt. Bei Sprintern, die auf Schnellkraft bauen, hat das Alter eine andere Bedeutung als für Langstreckenspezialistinnen wie die 39-jährige Claudia Pechstein. Und es gab auch schon Menschen, die sie fragten: „Hör mal, du bist jetzt 32, willst du nicht mal etwas Vernünftiges machen?“

Aber jetzt macht sie mit ihrem Mann erst einmal Urlaub. Weit fahren muss sie dafür nicht. Das Ehepaar Wolf erholt sich in Reit im Winkel. Das ist von Inzell 25 Kilometer entfernt.

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