EM 2016 : Was Sie über Polens Mannschaft wissen müssen

Polens Nationalmannschaft hat mehr zu bieten als Robert Lewandowski. Elf wissenswerte Dinge über den nächsten deutschen Gegner.

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Mister Nice. Polens Grzegorz Krychowiak zeigte nicht nur in Nizza gegen Nordirland, was er drauf hat.
Mister Nice. Polens Grzegorz Krychowiak zeigte nicht nur in Nizza gegen Nordirland, was er drauf hat.Foto: AFP

1. Bereits zum fünften Mal treffen die Polen in einem großen Turnier auf die deutsche Nationalmannschaft. Dabei ist ihnen noch nie ein Tor gelungen. Die Spiele:

WM 1974, zweite Finalrunde, 0:1

WM 1978, Eröffnungsspiel, 0:0

WM 2006, Vorrunde, 0:1

EM 2008, Vorrunde, 0:2.

2. Vor dem Spiel hat sich die mediale Berichterstattung in Deutschland fast ausschließlich mit Robert Lewandowski beschäftigt. Dabei gibt es im Team von Nationaltrainer Adam Nawalka andere Spieler, die nicht minder wichtig sind. Gregorz Krychowiak zum Beispiel, der mit dem FC Sevilla gerade zum zweiten Mal die Europa League gewonnen hat. Bei der EM trägt der 26-Jährige die Nummer 10, in Wirklichkeit aber ist er ein ziemlich klassischer Sechser, immens fleißig, herausragend in der Balleroberung, eisenhart im Zweikampf, aber auch sauber in der Spieleröffnung. Krychowiak ist mit 16 nach Frankreich gewechselt, hat mit 18 sein erstes Länderspiel bestritten und in der EM-Qualifikation keine einzige Spielminute verpasst. Angeblich enthält sein Vertrag in Sevilla eine Ausstiegsklausel über 50 Millionen Euro.

Positive Bilanz gegen die DDR

3. Polen und Deutschland sind schon in der Qualifikation aufeinander getroffen. Das 2:0 der Polen in Warschau war in der 19. Begegnung der erste Sieg überhaupt gegen die Deutschen. Insgesamt hat das DFB-Team von 20 Spielen 13 gewonnen. Sechs endeten unentschieden. Dafür ist die Bilanz der Polen gegen die DDR positiv (acht Siege, sechs Niederlagen, vier Unentschieden).

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4. Der Erfolg gegen den Weltmeister im Oktober 2014 gilt in Polen als Geburtsstunde der aktuellen Mannschaft, er hat auch die Position von Nationaltrainer Adam Nawalka entscheidend gestärkt. Mit dem Sieg gegen die Deutschen ist die Kritik schlagartig verstummt, die ihn seit seinem Amtsantritt im Oktober 2013 begleitet hatte. Als Nawalka nach dem Spiel im Nationalstadion zur Pressekonferenz erschien, wurde er von den Journalisten mit Applaus empfangen. Der 57-Jährige, der selbst 34 Mal für die Nationalmannschaft gespielt hat, gilt als Arbeitstier und extrem fußballverrückt.

Gefährlichster Gegner der Gruppe

5. Die Polen werden in Deutschland nicht nur wegen des engen Duells in der Qualifikation (0:2/3:1) als härtester der drei Gruppengegner eingeschätzt. „Sie haben in den letzten Jahren einen großen Sprung gemacht“, sagt Lukas Podolski, der heute zum sechsten Mal mit der Nationalmannschaft gegen sein Heimatland spielen könnte. „Polen ist der gefährlichste Gegner in der Gruppe.“ Dabei hat das Team die schlechteste Platzierung in der Fifa-Weltrangliste. Aktuell wird es auf Platz 27 geführt. Nordirland liegt auf Platz 25, die Ukraine auf 19.

6. Polens Innenverteidiger Kamil Glik, an dem angeblich Borussia Dortmund interessiert ist, besitzt neben der polnischen auch die deutsche Staatsangehörigkeit. In seinem deutschen Pass, so hat er einmal erzählt, lautet sein Nachname Glück. Dafür steht im deutschen Kader mit Lukas Podolski ein Spieler, der in Polen geboren ist. Das war auch bei den Nationalspielern Dariusz Wosz, Miroslav Klose, Piotr Trochowski und Lukas Sinkiewicz so. Die früheren deutschen Junioren-Nationalspieler Eugen Polanski und Sebastian Boenisch haben hingegen später für die polnische A-Nationalmannschaft gespielt.

Mehr Tore als Chancen

7. Der erste Grenzgänger war Ernest Wilimowski (1916-1997). Der Oberschlesier nahm mit Polen an der WM 1938 teil und erzielte in 21 Länderspielen 22 Tore. Nach der Besetzung Polens durch die deutsche Wehrmacht wurde er nicht nur deutscher Staatsbürger, sondern auch Nationalspieler. „Er erzielte mehr Tore, als er Chancen hatte“, hat Fritz Walter einmal über den Stürmer gesagt, der als Ernst Willimowski in acht Einsätzen für den DFB 13 Tore schoss. Willimowski ist der einzige Spieler, der gegen die deutsche Nationalmannschaft getroffen hat und später für sie spielte.

8. Robert Lewandowski war der beste Torschütze in der gesamten Qualifikation für die EM in Frankreich. Der Stürmer der Bayern, der seit 2014 Kapitän des Nationalteams ist, hat 13 Mal getroffen. Die Polen stellten mit 33 Toren in zehn Spielen auch das torfreudigste EM-Team.

9. Im internationalen Fußball haben die Polen durchaus Erfolge vorzuweisen. 1974 und 1982 wurden sie jeweils WM-Dritter, 1972 in München gewannen sie olympisches Gold. Nur ihre EM-Historie ist dürftig. 2008 hat sich Polen zum ersten Mal für eine Europameisterschaft qualifiziert. Seitdem ist die Mannschaft immer dabei. Doch erst am vergangenen Sonntag – beim 1:0 gegen Nordirland – haben die Polen im siebten Versuch ihr erstes EM-Spiel gewonnen. Es war auch das erste Mal, dass sie bei einer Europameisterschaft zu null gespielt haben. Folglich sind sie bisher noch nie über die Vorrunde hinausgekommen. Beide Male schied das Team als Gruppenletzter aus.

Taktisch eine echte Ausnahmeerscheinung

10. Für Thomas Müller sind die Polen „eine klassische Kontermannschaft“, Bundestrainer Joachim Löw hält ihre Spielweise für „in etwa identisch“ mit der des ersten Gruppengegners Ukraine. Gegen Nordirland allerdings wies die Statistik zwei Drittel Ballbesitz für die Polen aus. Vermutlich wird das Verhältnis am Donnerstag in St. Denis gegen den Weltmeister umgekehrt ausfallen. „Wir müssen versuchen, die Polen ein bisschen in die Defensive zu drängen, weil sie da Probleme haben“, sagt Deutschlands Torhüter Manuel Neuer.

11. Polen ist taktisch eine echte Ausnahmeerscheinung bei der EM. Während sich im modernen Fußball in den vergangenen Jahren immer mehr die Variante ohne echten Stürmer durchgesetzt hat, setzt Nationaltrainer Nawalka auf ein 4-4-2-System mit zwei richtigen Angreifern. An der Seite von Lewandowski stürmt der 22 Jahre alte Arkadiusz Milik, der auch schon in der Bundesliga gespielt hat, sich jedoch weder bei Bayer Leverkusen noch beim FC Augsburg besonders hervorgetan hat (zwei Treffer in 24 Spielen). In der abgelaufenen Saison aber hat Milik 21 Tore für Ajax Amsterdam in der Ehrendivision erzielt, dazu das 1:0 gegen Nordirland und auch das 1:0 beim historischen Sieg gegen Deutschland vor knapp zwei Jahren. Milik „ist ein Spieler, der einfach den Riecher hat, im richtigen Moment am richtigen Ort zu stehen“, sagt Manuel Neuer.

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