EM-Finale 1996 : Als Bierhoff traf und einer wegsah

London, 30. Juni 1996, Deutschlands bislang letzter Triumph bei einer Europameisterschaft. Unser Autor war damals live dabei – und erfuhr ein Trauma, das ihn bis heute nicht loslässt.

Thilo Neumann
Deutschland - Tschechien bei der EM 1996 und das Golden Goal in der 95. Minute.
Deutschland - Tschechien bei der EM 1996 und das Golden Goal in der 95. Minute.Foto: Imago

Stell dir vor, dein Land gewinnt die EM – und du bist live dabei. Im Stadion. Wembley. Haupttribüne. Bierhoff ohne Trikot. Klinsmann mit dem Pott. Berti vor der Kurve. Once in a lifetime.

Vor 20 Jahren hatte ich in London die Chance auf ein Erlebnis, das Millionen Fußballfans ersehnen, aber nie bekommen werden. Deutschland– Tschechien. Wenige Meter hinter der deutschen Bank: die Miniversion meiner selbst, zehn Jahre alt, Pausbacken, Swatch-Uhr. Der letzte deutsche EM-Triumph, er ist mir unvergessen – unvergessen schrecklich. Doch der Reihe nach.

„Können wir zum Finale, Papa?“

Juni 1996. In meinem Kinderzimmer hängen „Bravo“-Sport-„Megaposter“ von Mehmet Scholl und Michael Jordan, aus dem Radio dröhnt „Macarena“, der Hit des Sommers. Und im fernen England – so fern, wie es einem angehenden Fünftklässler scheinen mag – schießt Andy Möller die deutsche Elf ins EM-Finale. „Irre“, denke ich in meinem Schlafanzug, als der Siegtorschütze im Röhrenfernseher des elterlichen Wohnzimmers vor der englischen Kurve posiert. „Irre, dass wir ausgerechnet jetzt nach London fahren.“

Der Familienurlaub auf der britischen Insel war lange gebucht, vier Tage London, danach raus aufs Land. Reisebeginn: der 27. Juni, drei Tage vor dem Endspiel. Ein undankbarer Zeitpunkt für meine Eltern. Denn statt sich mit Wachsfiguren und dem ersten Hard-Rock-Café-Shirt zufriedenzugeben, war für meinen Bruder und mich klar: Wohl und Wehe dieses Urlaubs hängt von der Antwort auf eine einzige Frage ab – „Können wir zum Finale, Papa?“

Ja, wir können. Dachte mein Vater zumindest. Und so gesellte sich Familie Neumann, party of four, am Finalsonntag in die wirre, verschwitzte Menge vor den Toren des alten Wembley. Wird schon klappen, war sich Vaddern sicher. Doch dann das: Überraschenderweise war das EM-Finale im Mutterland des Fußballs ausverkauft und das Schwarzmarkt-Angebot an vier nebeneinanderliegenden Tickets wider Erwarten mau.

Mit Dreistigkeit ins Finale

Stundenlang umrundeten wir das Stadion, diskutierten mit dubiosen Händlern, wurden von Günter Netzer und Karl-Heinz Rummenigge vertröstet, verloren den Mut. Bis Vater Neumann das DFB-Kartencenter entdeckte. „Nur hinterlegte Tickets“, informierte ein Schild an der Eingangstür. „Bin gleich wieder da“, sagte das Familienoberhaupt und verschwand hinter der Tür.

30 Minuten später saßen wir auf der Haupttribüne der Fußballkathedrale. Unser Sesamöffne-dich, die Dreistigkeit meines Vaters: „Ich will die vier reservierten Tickets für Neumann abholen“, hatte er der Dame hinterm Ticketschalter aufgetischt. Die waren zum Entsetzen beider Seiten zwar unauffindbar, zur Entschädigung winkten aber vier andere Karten ins Glück. Sollte uns recht sein, wir verzichteten auf weitere Beschwerden. Fehler passieren – wir hatten ja auch blöderweise im Hotelzimmer den Zettel mit der Reservierungsnummer vergessen. Oder so ähnlich.

Und so begann der Traum – das erste Länderspiel meiner Fankarriere, ein Finale in Wembley. Wie in Trance rauschte die Partie an mir vorbei: Sammer gegen Poborský. Köpke gegen Berger. Dieter Eilts gegen den Rest der Welt. Ein Stück deutsche Fußballgeschichte, eingebrannt in meinen Kopf.

Blick auf Andy Köpke

Eine Geschichte, die ich synchron zum Geschehen auf dem Rasen in meinem eigenen Miniaturwunderland nachstellte, North Terrace, Block 101, Row 28, Seat 31: Ich grätschte wie Strunz, sprintete wie Kuntz, dirigierte wie Vogts. Ich köpfte zusammen mit Oliver Bierhoff den viel umjumbelten Ausgleich, geherzt wurde dennoch nur er. Mir war es egal; alles für den Erfolg. Ich war voll dabei.

Tja, bis auf diese fünf Sekunden. Diese verdammten letzten fünf Sekunden. Verdammt, es war ein langer Tag. Wir waren stundenlang durch die Stadt marschiert, vom Big Ben zur Tower Bridge, von Westminster Abbey zum Hyde Park. Das komplette Touristenprogramm. Ab nachmittags im Gewühl vor dem Stadion, der Adrenalinkick bei Betreten der heiligen Ränge, der aufwühlende Spielverlauf – harter Stoff für mich frischgebackenen Grundschulabsolventen.

Als der italienische Schiedsrichter Pierluigi Pairetto nach 90 Minuten zur Verlängerung pfiff, sackte ich in die Sitzschale – völlig ausgepumpt. So wie Karel Poborský. Doch der hatte sich kurz vor Schluss auswechseln lassen. Ich musste durchhalten. Eine ganze halbe Stunde.

Mir war klar: Meine Kraft würde nicht mehr für die ganze Elf auf dem Rasen reichen. Jetzt hieß es, Kräfte zu bündeln und dem wichtigsten Spieler auf dem Platz zur Seite zu stehen: Andy Köpke. Er hatte England im Halbfinale in den Wahnsinn getrieben, er würde auch diesmal zum Helden werden. Ich wusste es.

Also kümmerte ich mich fortan um Andy K., Trikotgröße XL, Hosengröße S. Regelmäßig wanderte mein Blick zum Keeper, deutete seine Dehnübungen, analysierte seine Anweisungen an die Vorderleute, sprach ihm in Gedanken gut zu.

Golden Goal in der 95. Minute

Auch in der 95. Minute, als Jürgen Klinsmann eine Halbflanke hoch, ja eigentlich zu hoch in den tschechischen Strafraum brachte, wanderte mein Blick auf Köpke. Warum, das weiß ich bis heute nicht. Warum ich genau in diesem Moment schauen wollte, wie Andy Köpke auf dieses – so dachte ich – verunglückte Zuspiel reagiert. Andy, mein Held, er stand einfach nur da, völlig ruhig, wie sonntags im Park beim Entenfüttern. „Du wirst heute nicht mehr bezwungen“, dachte ich zu mir und meinte doch ihn, meinen Tag-Team-Partner in Stollenschuhen.

Doch dann riss Andy Köpke die Arme hoch und schrie in die Londoner Nacht hinaus. An meinem Arm spürte ich, wie mein Bruder aufsprang, erschrak vor dem plötzlich aufflammenden Jubel, wurde emporgerissen mit der aufgewühlten Masse. Perplex sah ich aus den Augenwinkeln einen nackten Oberkörper, der an der Grundlinie zu Boden ging und von weißen Trikots umarmt wurde. War das Oliver Bierhoff? Ich traute mich nicht zu fragen. Stattdessen entdeckte ich Petr Kouba, den tschechischen Torwart, wie er mit hängendem Kopf auf der Torlinie kniete, erblickte den Ball in der rechten Torecke und Patrick Berger, der vergeblich Abseits reklamierte.

Es war passiert. Golden Goal, die Entscheidung, der Titel. Der Moment, für den ich mich 95 Minuten aufgeopfert hatte, er war da. Und ich hatte ihn verpasst. Während meinem freudetrunkenen Bruder langsam die Stimmbänder versagten, stieg in mir – in einer Zeit vor Videoleinwänden und Zeitlupenwiederholungen im Stadion – die Enttäuschung über den entgangenen Höhepunkt hoch. Die Erkenntnis, dass ich den vielleicht größten Moment meiner Kindheit gerade hatte entgleiten lassen. Ich war untröstlich.

Der Fehler bleibt bestehen

Als Jürgen Klinsmann den Pokal in den Londoner Nachthimmel reckte, riss auch ich die Arme hoch, mit guter Miene zum bösen Spiel. Doch der Schmerz über die Niederlage des Sieges, sie sollte lange nicht weichen.

Erst zwölf Jahre später hatte ich die Chance, die Schmach von Wembley zu tilgen. In Wien ergatterte ich mit meinem Bruder erneut Finalkarten. Dieses Mal, das wusste ich, würde ich die entscheidende Bude nicht verpassen. So kam es auch. Noch heute kann ich Freunden abendfüllend berichten, wie sich Philipp Lahm in der 33. Minute verschätzt. Wie Fernando Torres ihn mit wehender Mähne überläuft, den Ball spitzelt, über den herauseilenden Jens Lehmann hinweg einnetzt. Wie Torres weiterläuft, daumennuckelnd seine Mitspieler herbeiwinkt, auf Knien zur Eckfahne rutscht, sich feiern lässt.

Ich stand vielleicht 20 Meter Luftlinie entfernt, irgendwo dort, in ebenjener Stadionecke, in einem Meer aus weißen Trikots, schwarz-rot-goldenen Fischermützen und offenen Mündern. DIESMAL hatte ich alles genau gesehen – freuen konnte ich mich trotzdem nicht.

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