EM-Kolumne Europareise (7) : Keine Zusatzzahl, kein Kuchen

In unserer täglichen Kolumne kommentieren Philipp Köster, Jens Mühling, Marcel Reif, Moritz Rinke und Lucien Favre die EM. Diesmal erklärt Philipp Köster die stille Macht der Akkreditierung.

Philipp Köster
Philipp Köster.
Philipp Köster.Foto: Mike Wolff

Eine Veranstaltung wie die EM ist ein organisatorischer Kraftakt. Viele tausende Mitarbeiter, Millionen Zuschauer und dazu noch all die Presseleute und Funktionäre müssen koordiniert und bespaßt werden. Das würde nicht funktionieren ohne die großformatigen Akkreditierungen, die sich jeder beruflich bei der Euro Engagierte um den Hals hängen muss.

Nun erfüllen die hochoffiziellen Brustbeutel zunächst einmal den ganz praktischen Zweck, auf einen Blick die Zugangsberechtigungen des Inhabers aufzuzählen. Presseleute zum Beispiel dürfen „6“ und „7“, also auf die Pressetribüne und in die Mixed Zone. Spieler dürfen auch „1“ und „2“, also auf den Rasen und in die Kabinen. Und Uefa-Präsident Michel Platini darf wahrscheinlich alle Zahlen von 1-9 plus Zusatzzahl.

Zugleich sind die Akkreditierungen während des Turniers aber auch ein Statussymbol, mit dem sich wunderbar angeben lässt. Nicht im Stadion, wo die Hälfte der Leute mit der Plastiktasche um den Hals herumrennt, sondern im zivilen Leben drum herum. In den Cafés von Posen, Danzig, Lemberg und Kiew lässt sich damit mächtig Eindruck schinden. Und wer es gar nicht aushält, kann schon auf der Anreise die eigene Bedeutung für den Fortgang des Turniers unterstreichen. Ein Mitarbeiter der Uefa trug im Flugzeug von München nach Danzig stolz seine Akkreditierung spazieren, obwohl damit wider Erwarten kein Upgrade in die Businessklasse verbunden war. Es gab noch nicht mal Kuchen extra.

Dabei tut die Uefa unabsichtlich eine Menge, um die Eitelkeit der Akkreditierten auszubremsen. Jeder Ausweis wird mit einem Passfoto versehen, das die Inhaber allerdings nicht selbst einreichen dürfen. Perfekt ausgeleuchtete Porträts im milden Licht der Scheinwerfer findet man ebenso wenig wie Passfotos aus dem Studio mit freigelegtem rechtem Ohr. Stattdessen werden die Bilder vor Ort im Anmeldebüro angefertigt. Weil die meisten Pässe allerdings direkt nach der strapaziösen Anreise abgeholt werden, blicken massenweise unrasierte, schlecht frisierte, übel gelaunte Menschen in die Webcam. Selbst der euphorische „One, two, three – cheese!“-Ruf der freiwilligen Dame hinter dem Tresen macht´s nicht besser. Selbst die RAF-Terroristen einst auf den Fahndungsfotos in den Postfilialen blickten freundlicher als die Teilnehmer der Euro 2012.

Jetzt hänge ich mir auch meine Akkreditierung um. Ich sitze in einem Café in Warschau. Vielleicht gibt es ein Stück Kuchen extra.

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