EM-Kolumne Europareise : Reif über Italien: Catenaccio war gestern

Marcel Reif führt Italiens Spielstärke vor allem auf Trainer Prandelli zurück. Den deutschen Halbfinalgegner sieht er in seiner Kolumne als ganz harten Brock auf dem Weg ins Endspiel.

Alessandro Diamanti verwandelte den entscheidenden Elfmeter für Italien.Weitere Bilder anzeigen
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24.06.2012 22:31Alessandro Diamanti verwandelte den entscheidenden Elfmeter für Italien.

Fortune gehört natürlich auch dazu. Und Jogi Löw hat Fortune. Das Signal werden sie alle verstanden haben, das Signal nämlich, einfach mal die komplette Offensive auszutauschen und trotzdem keinerlei Gewöhnungsschwankungen zu demonstrieren. Man musste das nicht machen, aber man konnte, und dass diese Deutschen auch noch die Klasse auf der Bank sitzen haben, das ist schon ein mächtiger Trompetenstoß gewesen. Was noch fehlt? Der Wirbel und der Trubel, mit denen die deutsche Mannschaft in Südafrika begeisterte. Oder mit anderen Worten: Wir haben die beste deutsche Mannschaft noch gar nicht gesehen.

England verliert wieder nach Elfmeterschießen - wie die britische Presse reagiert
Es endete wieder in Tränen: Wie die "Sun" und andere britische Zeitungen auf das erneute englische Turnier-Aus nach Elfmeterschießen reagieren, sehen Sie in dieser Bildergalerie. Die "Sun" macht's natürlich mit (diesmal leicht gequältem) Wortwitz: Aus dem geflügelten Wort "It all ends in tears" wird "Italy all ends in tears". Darunter heißt es dann: "England-Fans in Agonie nach dem Elfmeter-Aus" sowie etwas versöhnlicher mit Blick auf die Spieler und Trainer Hodgson: "Aber Beifall für Roys kämpfende Helden".Alle Bilder anzeigen
1 von 6Screenshots: Tsp
25.06.2012 07:29Es endete wieder in Tränen: Wie die "Sun" und andere britische Zeitungen auf das erneute englische Turnier-Aus nach...

Ich fürchte, wir werden sie sehen müssen, im Halbfinale gegen Italien. Fernab vom Kaffeesatz, in dem wahlweise steht, dass Deutschland immer einen Titel geholt hat, wenn England per Elfmeterschießen rausfliegt, oder dass Deutschland noch nie in einem großen Turnier gegen Italien gewonnen hat, fernab also aller sinnigen oder unsinnigen statistischen Spekulationen, erwartet uns ein Italien, das, oh Wunder, oh Wunder, ganz plötzlich ein ernsthafter Titelkandidat ist. Da fällt denen die halbe Abwehr aus, und trotzdem stehen sie stabil. Und dann hatte man ja beim Spiel gegen England das Gefühl, die Mannschaften hätten die Trikots schon vor dem Spiel getauscht, so unitalienisch wie die Italiener spielten. Das hat mit Pirlo zu tun, der mit seinen 33 Jahren den Takt im Stil eines großen Strategen vorgibt. Das hat mit de Rossi zu tun, der kedhirahaft die Gefahren abräumt. Und das hat mit zwei wild gewordenen Figuren im Sturm zu tun, Cassano und Balotelli, die jeder für sich in der Lage sind, ganze Klubs mit ihren Eskapaden zu pulverisieren.

Aber vor allen Dingen hat es mit Cesare Prandelli zu tun, der den Italienern Pathos eingehaucht hat, Pathos, mit dem sie die Hymne schmettern, mit dem sie als Mannschaft auftreten, so innig, dass ein Kollege dem durchdrehenden Balotelli den Mund zuhält, damit der sich nicht um Kopf und Kragen brüllt und stattdessen nahezu schwiegersohntauglich auftritt. Mit Italien, mit dem Italien, das wir kennen, das den Catenaccio erfand und lebte, hat das alles nichts mehr zu tun. Keine Frage, Jogi Löw hat alles richtig gemacht, die deutsche Mannschaft überzeugt auf ganzer Linie, Löw hat Fortune. Sie werden es brauchen gegen Italien.

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