EM  Nebenschauplatz : Die Eagles kicken gegen die Mafia

Andreas Bock
Gesellig. Der Fanklub „Eagles“ reist der DFB-Elf hinterher, schaut aber auch mit polnischen Fans Polen-Spiele. Foto: Bock
Gesellig. Der Fanklub „Eagles“ reist der DFB-Elf hinterher, schaut aber auch mit polnischen Fans Polen-Spiele. Foto: Bock

Jörg Dern mag das gern. Ein paar Bier mit den Jungs, eine Zigarette, die Lehne der Holzbank im Rücken, die Sonne, den Trubel rund um das alte Lemberger Rathaus. Da hinten stimmen sie die deutsche Nationalhymne an, gleich spielt die DFB-Elf ihr erstes Gruppenspiel. Dern ist 48 Jahre alt, arbeitet als Lehrer für Sport und Geschichte. Der Deutschlandfan ist ein ziemlich ausgeglichener Typ. Einmal aber, im Sommer 1981, da war Jörg Dern richtig wütend. Er saß mit seinen Jungs in einer Gartenlaube in Jena. Auf der Terrasse hatten sie einen Fernseher aufgebaut, es lief das Pokalsieger-Cup-Finale zwischen dem FC Carl Zeiss Jena und Dinamo Tiflis. Nun saßen sie hier, die Jungs und Dern. Hier – und nicht im Stadion.

„Es wäre doch eine gute Geste der Uefa gewesen, das Finale zum Beispiel nach Budapest zu verlegen. Wir hätten die Hütte voll gemacht!“, sagt Dern. Doch die Uefa spielte nicht mit. Das Endspiel fand im Düsseldorfer Rheinstadion statt. Es kamen 5000 Zuschauer, vornehmlich Funktionäre und Parteimitglieder. Den gewöhnlichen DDR- und Sowjetbürgern war eine Reise in das nicht sozialistische Ausland verboten.

Doch 1981 war auch das Jahr, in dem Dern und seine Jungs ihren Fanklub Eagles gründeten, der heute der deutschen Nationalmannschaft bei jedem Spiel hinterherreist. Damals waren die Eagles ein Fanklub, der einige kriminelle Elemente aufweise, schrieb die Stasi. „Sie meinte damit vermutlich die Raufereien bei Auswärtsspielen in Berlin “, erklärt Dern. Die Eagles gingen auf Tour. Nach Polen zum Beispiel. Oder nach Bulgarien und Rumänien. Die kleine Freiheit.

Einmal, im Spätsommer 1989, waren sie auf großer Sowjetuniontour. Obwohl der große Bruder ein Freundesland war, brauchte die Gruppe ein spezielles Gastvisum für einen längeren Aufenthalt. Also organisierten sie ein Transitvisum und gaben an, als Bergsteiger nach Rumänien reisen zu wollen. Dann tauchten sie in dem riesigen Land unter, reisten in den Kaukasus und versprachen sich in einer Höhle, einmal zusammen zur Golden Gate Bridge nach San Francisco zu reisen. In Tiflis spielten sie das verlorene Finale von 1981 gegen Dinamo-Fans nach. Sie verloren 4:8. Beim Gegner standen lokale Mafiagrößen auf dem Platz. Dern sagt: „Gut, dass die das Spiel gedreht haben.“

Andere sprechen dieser Tage über den wilden Osten, Hooligans, Verkehrschaos oder ukrainische Tristesse. Dern spricht wie von einem alten Freund, den er nun wiedergetroffen hat und der im Laufe der Jahre immer schöner geworden ist. „So habe ich mir das schon damals immer gewünscht“, sagt er. Dann erzählt von der Golden Gate Bridge, von Alaska und von Bernd Schneider. Dem weißen Brasilianer aus Jena. Andreas Bock

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