EM-Viertelfinale Deutschland - Italien : Antonio Conte und seine Taktik

Antonio Conte hat bei der EM als genialer Taktiker überzeugt. Gegen Deutschland will der Trainer erneut überraschen.

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Mann mit Geistesblitzen. Conte ist schon auf der Suche nach dem Schlüssel zum Sieg gegen Deutschland.
Mann mit Geistesblitzen. Conte ist schon auf der Suche nach dem Schlüssel zum Sieg gegen Deutschland.Foto: Reuters

Immer, wenn es Abend wurde und sich die Fußballer von Juventus Turin vor den Spielen auf ihre Hotel zurückzogen, begannen Jürgen Kohler und Antonio Conte zu plaudern. „Panzer, was willst du später mal machen, wenn das mit dem Calcio vorbei ist?“, fragte Conte, dessen süditalienische Zunge nie Freundschaft mit dem deutschen „ü“ schließen wollte und der Kohler immer beim Spitznamen nannte. Il Panzer hatte nur wage Vorstellungen, als Spieler in den besten Jahren machte er sich darüber kaum Gedanken.

„Was ist mit dir?“, fragte Kohler dann lieber schnell und Conte, deutlich jünger, begann zu erzählen. „Panzer, ich werde Trainer.“ Da war Antonio Conte 25 Jahre alt.

Er ist dann tatsächlich Trainer geworden. In Arrezo, Bari, Bergamo, Siena und bei Juventus Turin, ehe er 2014 nach dem Vorrundenaus der Italiener bei der WM in Brasilien die Nationalmannschaft übernahm.

Nun führt Conte, inzwischen 46, Italien durch diese EM wie ein fachkundiger Reiseführer eine Gruppe von Best Agern durch unwegsames Gelände. Nie war eine Mannschaft bei einer EM-Endrunde älter im Schnitt als diese Italiener und vielleicht nie mittelmäßiger von ihren Veranlagungen her. Doch das ist alles nichtig, wenn einer wie Conte an der Seitenlinie steht. Kein Trainer übte bisher bei diesem EM-Turnier einen größeren Einfluss auf seine Spieler und die Ergebnisse aus als er.

Eder und Pellè: Manndecker für die Manndecker

Im ersten Gruppenspiel entnervte Conte die hochgehandelten Belgier, indem er in Person von Eder und Graziano Pellè zwei Angreifer aufbot. Nicht, weil er so offensiv spielen wollte. Eder und Pellè bekamen einen Spezialauftrag. Sie sollten die belgischen Innenverteidiger am Spielaufbau hindern. Auch wenn das Wort Manndecker im Fußballjargon dieser Tage als obsolet gilt, Eder und Pellè spielten genau das: Manndecker für die Manndecker. Passwege zustellen, anlaufen, nerven. Diese ständige Präsenz eines direkten Gegenspielers waren die Belgier, Kinder der Moderne, nicht mehr gewohnt. Contes „Straßenschläue“, wie Kohler sagt, zeigte Wirkung. Mit einfachsten Mitteln brachte er die Belgier aus dem Konzept. Die begannen in ihrer Verzweiflung und ihrem Entsetzen genau das zu tun, was Conte beabsichtigte: Sie schoben den Ball nur noch quer und schlugen lange Flugbälle, wenn es mal nach vorn gehen sollte. Italien gewann locker und leicht 2:0.

Mut und Taktik gegen Deutschland

Gegen Spanien gelang Conte im Achtelfinale am Sonntag die nächste taktische Meisterleistung. Volles Tempo, volles Risiko. Seine Best Ager sollten die Spanier jagen, sie früh unter Druck setzen, damit sie nicht ihr Passspiel aufziehen konnten. Die Gefahr, sich früh zu verausgaben, war groß. Conte ging sie trotzdem ein und wurde belohnt. Der Titelverteidiger ist draußen, Italien spielt gegen Deutschland. Wie vor vier Jahren.

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Nun muss Conte erneut zu großer Form auflaufen, um die individuell deutlich besser besetzte Mannschaft des Weltmeisters zu schlagen. „Er wird Deutschlands Schwachstellen längst ausgemacht und sich bereits einen Plan zurechtgelegt haben“, sagt Kohler. Conte wirkt mit seinem mutigen, taktischen Variantenreichtum wie der glücklichere Gegenentwurf zu Joachim Löw, dessen Pläne in der Vergangenheit im entscheidenden Moment nicht immer funktionierten.

Arbeitsethos durch Zielstrebigkeit

Vor einigen Jahren war Kohler für zwei Wochen zu Besuch bei Conte und schaute seinem alten Freund beim Training in Turin zu. Was Kohler imponierte: Wie akribisch Conte den Gegner studierte und einzelne Details im Training immer und immer wiederholen ließ. So wie Giovanni Trapattoni und Marcello Lippi es einst bei Juventus getan hatten. „Das waren die zwei Trainer, die uns am meisten geprägt haben“, sagt Kohler. Conte saugte in den Einheiten als Spieler alles auf und interessierte sich mit Vorliebe für Systeme und taktische Formationen. Später diskutierte er mit seinem Freund, dem Panzer, darüber. „Vielleicht war er der lernwilligste Spieler, dem ich in meiner Karriere begegnet bin“, sagt Kohler.

Sein Arbeitsethos hat den aus Lecce stammenden Conte, der wegen des Verschweigens von versuchter Spielmanipulation mal für mehrere Monate gesperrt war, auch als Trainer ganz nach oben geführt. Nach der EM wird er den FC Chelsea in der Premier League übernehmen und wagen, was er als Spieler nie wagte: den Schritt ins Ausland.

Conte, als Fußballer ausgestattet mit Mut und Pferdelunge, nicht aber mit dem größten Talent, war es gewohnt, für den Erfolg mehr tun zu müssen als andere. Die Leichtigkeit eines Roberto Baggio oder Gianluca Vialli ging ihm ab.

Wissbegierige Arbeiter, Soldaten des Kollektivs

Für die EM hat er eine Mannschaft zusammengestellt, die von ihrem Wesen her ihm als Spieler gleicht. Wissbegierige Arbeiter, Soldaten des Kollektivs. Potentielle Störenfriede wie Mario Balotelli, dem im Halbfinale gegen Deutschland vor vier Jahren beide Tore gelangen, mussten zu Hause bleiben. Für ihn war kein Platz und auch Andrea Pirlo, dem großen italienischen Meister des ruhenden Balls, redete Conte den Comebackversuch aus. Er kann da ziemlich direkt sein. Seine Wort sind manchmal hart, sein Ton immer sachlich, auch wenn er an der Seitenlinie gern den Heißsporn gibt. „Er besitzt ein gutes Gespür, wann er wie mit einem Spieler reden muss“, sagt Kohler.

Italienische Journalisten lud Antonio Conte einmal dazu ein, sich einer Taktikschulung bei ihm zu unterziehen. Sie sollten später in der Lage sein, auf Augenhöhe mit ihm diskutieren zu können. Joachim Löw ist gut beraten, sich vorher so seine Gedanken zu machen. Damit er am Sonnabend nicht unfreiwillig in einen Gratisunterricht hineinplatzt.

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