Sport : Emotion und Revolution

Im Endspurt vor den Play-offs verlieren die Eisbären ihre Souveränität – Trainer Pagé schimpft sogar über feiernde Fans

Mathias Klappenbach,Claus Vetter

Von Mathias Klappenbach

und Claus Vetter

Hamburg. Der Ernstfall war eingetreten. Ein Mensch sprach am Dienstag in Hamburg gar von einer „Revolution“. Schließlich hatte die moderne Eishockeykultur gerade ihren ultimativen Unfall erfahren. So jedenfalls sah es Pierre Pagé. Nach dem Spiel der Eisbären bei den Hamburg Freezers schimpfte sich der aufgebrachte Berliner Trainer durch die Katakomben der riesigen Hamburger Color Line Arena.

Aus der ausverkauften Halle waren derweil immer noch die Jubelgesänge der Besucher zu hören, die ihre Freezers für den 3:1-Erfolg gegen die Eisbären feierten. Pagé konnte dem überhaupt nichts abgewinnen. „13 000 Zuschauer, und die freuen sich auch noch. Nicht mal fünf Cent hätte ich dafür ausgegeben“, sagte er. „In Montreal hätte es nach so einem Spiel eine Revolution gegeben.“ Der Kanadier meinte, dass in seiner Heimat das Publikum fachkundiger und sachlicher auf eine ähnliche Darbietung antworten würde – eben mit Protesten. Zu unattraktiv, zu destruktiv hatten die Hamburger seiner Meinung nach gespielt.

Pagés Kotrainer Hartmut Nickel stimmte mit ein, allerdings war er etwas großzügiger. Nickel hätte „nicht mal einen Euro“ für das Spiel ausgeben. Die Hamburger Fans aber hatten wesentlich mehr investiert und feierten vielleicht deshalb noch eine halbe Stunde nach Spielschluss. Erstmalig, beim 13. Anlauf, hatten die Freezers die Eisbären innerhalb von 60 Minuten bezwungen: Mit einer defensiv organisierten Leistung gegen eine Mannschaft, deren oft so begeisterndes offensives Spiel momentan nicht wie gewünscht in Erscheinung treten will.

Und da liegt das Problem der Eisbären. Die Hauptrunde der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) neigt sich ihrem Ende zu, nur noch 13 Spiele sind es bis zu den Play-offs. Doch nach ihrem souveränen Saisonstart stagnieren die Berliner. Ihr Spiel ist ausrechenbarer geworden – das behauptete vor wenigen Tagen sogar frech Doug Mason aus Iserlohn. Die Roosters nämlich hatten die Eisbären beim Spiel in Berlin lange erstaunlich gut kontrolliert und immerhin einen Punkt aus dem Sportforum mitgenommen. „Wir wissen, welchen Spielzug die Eisbären nach einem Bully machen“, hatte Iserlohns Trainer gesagt. „Die Videos haben wir schon lange fertig studiert, wir kennen alle Berliner Varianten.“

Neue, überraschende Ideen sind bei den Eisbären momentan noch nicht zu sehen. Das ist bei den vielen verletzten Spielern aber vielleicht auch nicht zu erwarten. Dafür wissen die Gegner jetzt, dass sich ihre Analysen lohnen. „Dieser Sieg war im Hinblick auf die Play-offs sehr wertvoll“, sagte Freezers-Trainer Dave King. „Jetzt können wir selbstbewusst in ein eventuelles Play-off-Duell mit den Eisbären gehen“. King sieht sein Team nach zehn Siegen in elf Spielen auf einem Niveau mit Frankfurt und den Berlinern, die ihre Tabellenführung inzwischen an die Hessen abgegeben haben.

Besiegt das offensives Spiel der Eisbären im Ernstfall, also den Play-offs, das defensives Eishockey der Freezers? Die Antwort darauf wird es erst am Saisonende geben, was die Eisbären beunruhigt. Bloß nicht vom Titel sprechen und dann so abstürzen wie im Vorjahr, als für den Meisterschaftsfavoriten aus Berlin im Halbfinale Schluss war.

Die Hauptrunde als Tabellenführer abzuschließen, das scheint den Berlinern auf einmal nicht mehr so wichtig zu sein. „Wir müssen nicht unbedingt als Erster in die Play-offs gehen“, hatte ihr Stürmer Sven Felski am vergangenen Sonntag in Krefeld gesagt. Die Eisbären hatten gerade 1:0 gewonnen, in einem schwachen Spiel – eine Revolution witterte die Berliner Delegation deswegen in Krefeld übrigens nicht. Im Sport zählt eben das Ergebnis, und Sieger beschweren sich selten.

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