Sport : Ende der Immunität

Spätestens am Samstagabend vor der Südkurve des Münchner Olympiastadions hätte Ewald Lienen es merken müssen. "Heiliger Ewald" hatten die Fans des 1. FC Köln ihren Trainer einst genannt, weil er ihnen in der Saison 1999/2000 eine begeisternde Zweitligasaison und die Rückkehr in die Erste Bundesliga beschert hatte. Als Lienen nun am Samstag nach dem 0:3 bei 1860 München wie gewohnt in die Kölner Fankurve lief, vergaßen die Fans ihre katholische Erziehung. "Wir haben die Schnauze voll", brüllten sie ihm entgegen. Lienen hingegen hatte ein gutes Spiel gesehen. "Ich habe selten eine so eindeutige Situation erlebt, wir haben allein in der ersten Halbzeit fünf hundertprozentige Torchancen ausgelassen." Eine exklusive Einschätzung.

Gestern wurde Ewald Lienen nach zweieinhalb Jahren beim 1. FC Köln entlassen. Auch bei Hansa Rostock hatte Lienen in seinen letzten Monaten unter Realitätsverlust gelitten. Zwei Jahre hatte er dort gewirkt, ehe ihn die Entlassung ereilte. Beim MSV Duisburg weilte er noch kürzer, eineinhalb Jahre. Es scheint, als wirke die nüchterne und eigenwillige Art des Ewald Lienen nur für kurze Zeit positiv. Dann schlägt die Stimmung um. In Köln rebellierten am Schluss sogar die Spieler. Einer, der ungenannt bleiben wollte, sagte dem "Express": "Der Vorstand sieht doch schon ein halbes Jahr zu, wie der hier alles an die Wand fährt."

Immer zahlreicher wurden die fachlichen Einwände: Taktische Änderungen, Fehleinkäufe wie der für 3,07 Millionen Euro verpflichtete Marco Reich und der Verzicht auf den Publikumsliebling Dirk Lottner sprachen am Schluss gegen ihn. Am schwersten wog wohl seine Resistenz gegen jede Form von Kritik. "Die Kritik an mir ist auf einer Ebene angelangt, wo ich mich nicht mehr getroffen fühle", sagte Lienen in der Winterpause der "Süddeutschen Zeitung", "inzwischen bin ich mehr als immun." Lange Zeit hatte auch der Vorstand die vermeintliche Immunität gestützt. Bis zuletzt beteuerte Lienen dem Präsidenten: "Ich hätte mir zugetraut, das Ding noch zu drehen." Man glaubt ihm nicht mehr.

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