Sport : Ende einer Herausforderung

Der härteste Rivale von Tour-Favorit Armstrong, Joseba Beloki, stürzt und scheidet aus – Winokurow siegt

Hartmut Scherzer

Gap. Bei 35 Grad Celsius ist der Asphalt weich und rutschig. Der Baske Joseba Beloki merkt davon kaum etwas, er hat nur noch einen Gedanken, ein Ziel vor Augen: Alexander Winokurow einzufangen. Deshalb setzt sich der Once-Kapitän auf der 9. Etappe der Tour de France, der letzten in den Alpen, an die Spitze der Verfolger. Hinter ihm in der Gruppe fährt der US-Amerikaner Lance Armstrong im Gelben Trikot, und auch Jan Ullrich im Bianchi-Dress ist dabei. Auf der verwegenen Abfahrt vom letzten Pass, der Cote de la Rochette, passiert es: In einer Kurve rutscht Belokis Hinterrad urplötzlich weg. Armstrong kann dem Gestürzten nur noch mit einem spektakulären Manöver in eine Wiese ausweichen, nimmt querfeldein in der Haarnadelkurve eine Abkürzung, springt, das Velo geschultert, über einen Graben zurück auf die Straße und schwingt sich unter der 4-km-Marke vor dem heranrasenden Feld wieder aufs Rad. „Ich hatte keine andere Wahl", sagt Armstrong hinterher. Sie seien sehr schnell durch die Kurven gerast, „und durch diese eine war Beloki zu schnell". Der Spanier habe gebremst, das Hinterrad habe blockiert, der Reifen sei geplatzt. „Gott sei Dank war es Gras und kein Geröll", schildert der Amerikaner seine Crossfahrt. Er hatte beschlossen, geradeaus weiter zu fahren, statt bergauf zurückzuklettern. „Ich hatte nur einen Gedanken: Nur keine Zeit verlieren." Armstrong war sich sicher, Beloki würde sich auf ein neues Rad setzen.

Doch mit schmerzverzerrtem Gesicht bleibt der 29-Jährige liegen, seine Teamkollegen Jörg Jaksche und Jose Azevedo, die sofort zur Stelle sind, warten vergebens auf ihren Kapitän. „Ich bin bei ihm geblieben, weil ich nicht wusste, ob er vielleicht noch ein Rad braucht. Aber er konnte sich nicht mehr bewegen, deshalb bin ich weiter gefahren“, berichtet Jaksche im Ziel erschöpft und enttäuscht: „Ich habe dann noch mal alles gegeben, um den Rückstand in Grenzen zu halten, aber mit Belokis Aus ist die ganze Mühe umsonst gewesen.“ Jaksche hat in einer Spitzengruppe mit Ullrichs spanischen Teamgefährten Casero und Garmendia (Erster auf dem Iozard) bis zum letzten Anstieg 15 km vor dem Ziel geführt. Bei fast sieben Minuten Vorsprung sieht es sogar danach aus, dass der Franke, der als Zehnter des Klassements 3:19 Minuten hinter Armstrong liegt, das Gelbe Trikot übertreifen kann. „Aber die Gruppe, in der ich lange an der Spitze gefahren bin, funktionierte nicht", sagt Jaksche enttäuscht und kaum hörbar. Das nutzt Winokurow auf dem letzten der beiden extrem steilen Anstiege zur Flucht.

Für Beloki, den Zweiten des Vorjahres und Dritten von 2000 und 2001, endet der Tag auf der Intensivstation des Krankenhauses von Gap. Der Spanier, vor der Etappe Zweiter hinter Armstrong mit 40 Sekunden Rückstand, erleidet einen Oberschenkelhalsbruch im rechten Bein, einen Bruch des rechten Handgelenks und eine komplizierte Fraktur des rechten Ellenbogens. „Auf dem klebrigen Asphalt haben wir viel riskiert", schildert Jan Ullrich das Finale. Nach Belokis Sturz habe er „kein Gas mehr gegeben. Das wäre unfair gewesen." Nun schaut Ullrich optimistisch nach vorn: „Für die Pyrenäen bin ich sehr zuversichtlich." Dort, nahe an seiner spanischen Heimat, wird Beloki fehlen. Auch Armstrong bedauert das, als er von den Folgen des Sturzes erfährt: „Auf diese Weise will ich keinen Gegner verlieren."

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