Sport : Endlich erwachsen

Der 20 Jahre alte Kugelstoßer David Storl gehört nun auch wegen seiner mentalen Stärke zur Weltklasse

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Berlin - Es hatte geregnet, der Ring war noch feucht, also blieb David Storl friedlich. So muss man Sven Lang verstehen, seinen Trainer. „Er ist nicht zu 100 Prozent auf Krawall gegangen“, sagt Lang. Storl hat die Kugel nur 20,81 Meter weit gewuchtet. Das reichte allerdings, damit hatte Storl locker Platz eins im Kugelstoßen belegt und seine Disziplin gewonnen, volle Punktzahl für die deutsche Mannschaft bei der Leichtathletik-Team-EM in Stockholm.

David Storl aus Chemnitz hat nicht alles riskiert, das hatte Lang gemeint. Wenn Storl volles Risiko geht, stößt er 21,20 Meter, Lang hat das im Wettkampf und Training schon gesehen. Aber Storl kann dann sein Gewicht nicht mehr halten, er ist zu schnell, er plumpst aus dem Ring. Vor einer Woche in Göteborg hatte alles gepasst, Schnelligkeit, Technik, Stoß. 21,03 Meter, Storl blieb im Ring.

Das war zugleich ein entscheidender Schritt für Storl. Er ist im Kreis der 21-Meter-Stoßer. Er ist angekommen in der Weltklasse. „Man darf ja nicht vergessen, wie alt David ist“, sagt Lang.

20 Jahre.

Ralf Bartels, Europameister von 2006, Hallen-Europameister von 2011, war 27, als er zum ersten Mal über 21 Meter kam, das zum Vergleich. Storl hat den Älteren zuletzt immer stärker bedrängt, sie sind Kumpel, aber ihre Duelle werden immer spannender. Im Mai hatte Storl schon 20,85 Meter erzielt. „Die 21 Meter waren schon unsere Zielsetzung für diese Saison“, sagt Lang. Storl ist U-18- und U-20-Weltmeister, er ist Zweiter der Hallen-EM 2011, ein „Jahrhunderttalent“, so hatte ihn mal der Nachwuchs-Bundestrainer bezeichnet. Storl hat keine Muskelberge, er ist 1,98 Meter groß, wiegt aber nur 121 Kilogramm, aber er ist enorm schnell im Ring, und er hat ein sehr gutes Gefühl für Bewegung. Die 21,03 Meter waren so gesehen nur eine Frage der Zeit.

Aber das sind Zahlen, die viel bedeutsamere Frage: Ist mit der Weite auch Storls psychische Stärke gewachsen? Bartels hatte schon früh das Talent des Jüngeren erkannt, aber er hatte auch gesagt: „Entscheidend ist, wie er den Übergang von den Junioren zu den Erwachsenen schafft.“ Bei der WM 2009 scheiterte Storl schon in der Qualifikation, nervlich völlig überfordert. „Eine Lehrstunde“, sagt Lang. Aber seit damals „ist so etwas nicht mehr passiert“.

Storl ist mental stärker geworden, keine Frage. In Stockholm besiegte er Olympiasieger Tomasz Majewski. „Die Stars der Szene registrieren ihn jetzt, anders als früher“, sagt Lang. Er sieht das, wenn Storl zum Beispiel mit Majewski ein Schwätzchen hält.

Wie nervenstark der 20-Jährige wirklich ist, muss der Härtetest WM im August zeigen, da trifft Storl auf die US-Amerikaner, die noch bei der WM 2009 beim Einstoßen ihre Psychospielchen mit dem jungen Deutschen getrieben hatten, der so aussah wie ein Schüler, der Angst vor der ersten Tanzstunde hatte.

Storl hat immer noch weiche Gesichtszüge, sie stehen für die ganze Person. „Er ist immer noch wie ein großes Kind“, sagt Lang. Aber das sichert ihm zugleich diese Bodenständigkeit, die ihn auch so weit nach vorne bringt. Lobeshymnen, enorme Erwartungen begleiten ihn, seit er als Supertalent identifiziert worden ist. Andere hätten sich überschätzt und wären dann noch stärker in die Knie gegangen als er. Storl ist immer noch der Typ, der eher brummt als laut redet.

Sein Trainer hütet sich, das zu ändern. Die WM? „Wir orientieren uns an Platz sechs“, sagt Lang. Platz sechs? Ist das nicht ein bisschen sehr defensiv? Da muss Lang lachen. „Natürlich. Aber mit Zurückhaltung sind wir bisher gut gefahren. David hat ja noch nie große Sprüche geklopft.“ Udo Beyer muss keine Rücksicht auf Taktik nehmen, er redet offen. „Der David“, sagt der Kugelstoß-Olympiasieger von 1976, „der holt bei der WM eine Medaille.“

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