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Energie Cottbus : Das Mainz 05 des Ostens

Deutsche Vita: Cottbus-Coach Claus-Dieter Wollitz hat aus dem Zweitligisten einen Anlaufpunkt für junge deutsche Fußballer gemacht.

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Handschlag mit dem Fußballbekloppten. Energies Trainer Claus-Dieter Wollitz versteht es, Talente wie Nils Petersen (links) für sich einzunehmen.
Handschlag mit dem Fußballbekloppten. Energies Trainer Claus-Dieter Wollitz versteht es, Talente wie Nils Petersen (links) für...Foto: picture alliance / dpa

Eduard Geyer steht im Stadion der Freundschaft und verblüfft die anwesenden Journalisten mit Sprachkenntnissen, die selbst für jemanden, der im Schulsystem der DDR mit Russisch als Pflichtfach aufgewachsen ist, eher ungewöhnlich sind. Wie er mit seinen Spielern kommuniziere, will einer wissen. „Auf Rumänisch“, antwortet Geyer, einer der letzten Kosmonauten im Bundesliga-Orbit, um sich sogleich in ein eisernes Schweigen zurück zu ziehen.

Keine zwei Stunden zuvor hatte Geyer im Abstiegsduell mit dem VfL Wolfsburg eine Mannschaft ganz ohne einen Deutschen auflaufen lassen. Cottbus erkämpfte am Ende mit Spielern aus neun Nationen ein 0:0. Doch das Ergebnis war schnell nicht mehr als eine Fußnote in der Bundesligahistorie. Denn Geyer hatte mit diesem Teambau zu Babel, nicht nur die Spätfolgen des Bosman-Urteils eindrucksvoll veranschaulicht, sondern Energie Cottbus auch die Charaktermaske des Balkan-Klubs übergestülpt, die der Verein in der öffentlichen Wahrnehmung bis heute nicht gänzlich ablegen konnte.

Dabei hat der Kader des FC Energie Cottbus heute kaum noch etwas gemein mit der kampfstarken Söldnertruppe, die unter ihrem volkseigenen General Eduard Geyer den Klassenerhalt ermauerte.

In Cottbus ist in den vergangenen zwei Jahren ein Team entstanden, das von jungen deutschen Spielern dominiert wird. Von den ehemaligen Dortmundern Marc Andre Kruska Markus Brzenska oder Uwe Hünemeier. Und Talenten wie Nils Petersen oder Alexander Bittroff.

Und auch die weißhaarige Autokratie an der Seitenlinie ist längst vergangen.

Denn seit 2009 tollt Claus-Dieter Wollitz durch die Cottbusser Coachingzone. Wollitz, als Spieler einer jener Typen, die im domestizierten Fußball der Moderne vom Aussterben bedroht sind, hat diese Mannschaft seit seinem Amtsantritt sukzessive nach seinen Vorstellungen beschnitten und modelliert, Altlasten seiner Vorgänger abgestoßen und trotz eines finanziell nach wie vor überschaubaren Handlungsspielraums and er Lausitz genau jene Spieler geholt, die seiner Spielphilosophie entsprechen. Und ist so, trotz der jüngeren öffentlich geäußerten Abwanderungsgedanken, längst das Gesicht des Umbruchs in der Lausitz geworden.

Eines Umbruchs, der für Wollitz selbst von Beginn an unabdingbar und zudem Bedingung für sein Engagement war. „Als ich in Cottbus unterschrieben habe, war klar, dass wir die Identität dieses Vereins verändern wollen“, sagt er heute. Wollitz, auch als Trainer ein emotionaler Grenzgänger, sollte diese von Klubführung mitgetragene Neuausrichtung moderieren. Vor allem aber sollte er aus dem Standort Cottbus, über viele Jahre das Sprungbrett normbegabter Osteuropäer nach Europa, einen attraktiven Anlaufpunkt für deutsche Talente machen.Zumindest die Germanisierung des Klubs ist ihm gelungen. Weil er allein aufgrund seiner Persönlichkeit bei den jungen Spielern ein ähnliches Ansehen genießt wie Jürgen Klopp in Dortmund oder Thomas Tuchel in Mainz.

So gelang es Wollitz auch Marc Andre Kruska vom BVB, der noch vor ein paar Jahren als eine der großen Nachwuchshoffnungen des deutschen Fußballs galt, oder Sascha Dum aus Leverkusen ins Stadion der Freundschaft zu holen.

Zweifel an der Machbarkeit solcher Transfers hatte Wollitz ohnehin nicht. „Nach außen wurde es immer so dargestellt, als wollten junge deutsche Spieler nicht zu diesem Verein wechseln. Das stimmt aber einfach nicht“, erklärt Wollitz, auch verbal ein Freund bedingungssloser Offensive, um sogleich einen Gruß in die Vergangenheit des Vereins zu schicken: „Wenn ich einen Spieler wie Kruska holen will, muss ich allerdings auch aufzeigen, welche Philosophie ich verfolge, welche Ziele ich mit ihm habe, sonst bekomme ich ihn auch nicht.“

Manch einer mag diese Aussage für großspuriges Brusttrommeln halten, doch Wollitz Überzeugungskraft generiert seine Überzeugungskraft tatsächlich zuallererst aus der Person Wollitz selbst. Zudem trifft seine Spielidee des Vorwärtsfußballs gepaart mit einer gesunden Portion angeborener Fußballbeklopptheit den Nerv der Spieler.

„Der Trainer hat eine große Rolle gespielt, weil er mir viel Vertrauen entgegen bringt. Man hat schnell gemerkt, dass Wollitz ein klares Konzept hat“, erklärt Marc Andre Kruska, mittlerweile Kapitän in Cottbus. Und auch für Uwe Hünemeier, der vor dieser Saison im Sog von Kruska und Brzenska, Freunde aus Dortmunder Jugendtagen, zu Energie kam, war Wollitz ebenfalls der Hauptgrund für den Wechsel. Der Innenverteidiger hatte zuvor unter Klopp beim BVB gespielt und war sich schnell sicher: „Wollitz ist noch verrückter als Kloppo.“ Wollitz, mal der kalkuliert cholerische Feldwebel, mal der väterliche Herr Pele, versteht es, die Spieler für sich einzunehmen. Dann hängen sie an seinen Lippen. Und echauffieren sich hinterher auf dem Platz für einen Trainer, der draußen, in schwarzer Daunenjacke und mit dem roten Energie-Schal um den Hals, die Haare strähnig im Gesicht, die Mimik im Anschlag, einer von ihnen zu sein scheint.

Wollitz hat so eine Mannschaft mit Perspektive aufgebaut, die an guten Tagen modern spielt, vertikal, den Gegner durch ein laufintensives Pressing aus dem Gleichgewicht bringt. Wie im Achtelfinale des DFB-Pokals, als Cottbus den VfL Wolfsburg vor heimischem Publikum der Lächerlich preis gab. Mit sieben deutschen Spielern in der Startelf.

Dann berauscht sich die junge Mannschaft an sich selbst und ist auf diese Weise zur Pokalüberraschung der Saison geworden.

Während in der zweiten Liga die Form allerdings noch allzu oft schwankt. Doch auch Rückschläge wie die 1:3-Niederlage in Fürth am vergangenen Wochenende hat Wollitz in seinem Renovierungsplan einkalkuliert. Wichtiger als der Aufstieg in dieser Saison ist ihm die Nachhaltigkeit des Jugendprojekts in Cottbus. Der Blick geht über die Saison hinaus.

Längerfristig soll Cottbus das Mainz 05 im osten Deutschlands werden. „Das ist die Nische, die Cottbus suchen muss“ , erklärt Wollitz. Bei einem Gesamtetat von etwa zwölf Millionen Euro investiert Cottbus derzeit mehr als eine Million Euro jährlich in die Jugend. Um sich diesen Aufwand auch in Zukunft leisten zu können, müssen zwangsläufig auch Transfererlöse erzielt werden. Etwa durch den Verkauf von Spielern, die ihren Marktwert in Cottbus bereits multipliziert haben. Das weiß auch Wollitz und erstickt Emotionen in Pragmatismus: „Wir müssen Spieler entwickeln, die man dann gewinnbringend verkaufen kann. Wenn es lukrative Angebote für Spieler wie Petersen oder Kruska gibt, müssen die verkauft werden, um die Substanz im Verein und den Standort zu sichern.“

Vor diesem Hintergrund war besonders die bisher so erfolgreiche Deutschland-Tournee durch im Pokal eine Werbekampagne in eigener Sache. Denn: „Allein mit dem Sieg über Wolfsburg haben wir den Marktwert der Spieler doch schon entscheidend gesteigert.“ Das hört sich an, als hätte Wollitz einen Betriebswirt gefrühstückt. Aber zu den Aufgaben eines Schwellenklubtrainers gehört es eben auch, seine Spieler in die gut ausgeleuchteten Schaufenster der Bundesliga zu stellen. Im morgigen Spiel gegen Hertha BSC bietet sich Wollitz dazu die nächste Gelegenheit.

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