Sport : Energie Cottbus: Ein Talent statt ein paar Groschen

Benedikt Voigt

Langsam kletterte Eduard Geyer die wenigen Treppenstufen zur Umkleidekabine seiner Mannschaft empor. Wegen eines Bandscheibenvorfalls bereitet dem Trainer des Fußball-Bundesligisten Energie Cottbus momentan das Treppensteigen Probleme. Doch als er den ersten Spieler erblickte, vergaß er seine Beschwerden. "Franklin", rief Geyer aus und lachte. Der Brasilianer kam ihm auf halbem Weg entgegen und sagte zur Begrüßung: "Mensch Trainer, kaum kommst du, siehst du deinen Lieblingsspieler."

Es war ein fröhliches Wiedersehen beim ersten Training von Energie Cottbus für die Fußballsaison 2001/2002. Allerdings lag Franklin auf dem Treppenabsatz ein wenig daneben. Der Lieblingsspieler von Eduard Geyer heißt momentan Sebastian Helbig, den Hansa Rostock gerne für fünf Millionen Mark kaufen würde. Doch Geyer ist dagegen. "Das sind doch Groschen", sagte der Trainer, "es ist 100-prozentig, dass er bleibt." Für Klaus Stabach liegt die Angelegenheit nicht so klar. "Ich würde Helbig verkaufen", gibt der Cottbuser Manager unumwunden zu, "mit dem Geld könnte man das Jugendzentrum auf den Weg bringen." Er wolle noch einmal versuchen, den Trainer in einem Gespräch umzustimmen. Die Entscheidung aber liege bei Geyer. "Der Trainer hat das letzte Wort." Weshalb der talentierte A2-Nationalstürmer, der sich im gestrigen ersten Training sogleich eine Bänderverletzung zuzog, in Cottbus bleiben dürfte.

Der Fall Helbig aber offenbart ein großes Dilemma für den Klub. Soll er seine Zukunft langfristig oder kurzfristig planen? Cottbus steht vor der zweiten Bundesligasaison, und das Ziel ist unverändert. "Wir müssen drei Vereine hinter uns lassen", sagt Stabach. Da hilft natürlich ein 24-jähriger Angreifer, der in der vergangenen Saison neben Spielmacher Vasile Miriuta die große Entdeckung war. "Was den Abschluss vor der Kiste betrifft, so wird er sich auch noch um drei Prozent verbessern", glaubt Eduard Geyer. Der Manager ergänzt: "Wenn uns Helbig für ein drittes Jahr in der Liga hält, haben wir alles richtig gemacht - wenn nicht, war alles falsch."

Denn der umworbene Angreifer ist nach der kommenden Saison ablösefrei zu haben. Statt fünf Millionen Mark bekäme Energie Cottbus keinen Pfennig. Das Geld aber käme Klaus Stabachs langfristigen Planungen sehr gelegen. "Wir müssen irgendwann anfangen, die Zukunft zu sehen und eine breite Basis schaffen." Mit der Ablösesumme von Helbig würde er das geplante Jugendzentrum für Fußballtalente verwirklichen. "Ich habe immer gesagt, dass wir den Profifußball in Cottbus erhalten müssen", sagt der Manager. Dazu zählt aber, dass der Verein im Falle eines Abstiegs sportlich und finanziell gesund bleibt. Der SSV Ulm, der Insolvenz anmelden musste, ist ihm warnendes Beispiel. "Die Nachwuchsarbeit muss unser oberstes Gebot sein", sagt Stabach. Doch er weiß auch: "In diesem Fall ist unserem Trainer das Hemd näher."

Es ist auch schwer, den Fans eine solch langfristige Entscheidung zu verkaufen. Zum Beispiel jenem, über dessen Bauch sich beim ersten Training das stolze, ausgewaschene Aufstiegsshirt spannte: "Wir spielen in der 1. Liga." Die Frage lautet allerdings: Wie lange noch? Mit einem Etat von 42 Millionen Mark und einem neuen Hauptsponsor geht der Verein in die Saison. Als siebten Zugang leistet sich Cottbus den Brasilianer Brasilia, der für 800 000 Mark aus Stettin kommt. Doch namhafte Einkäufe konnte der Klub nicht landen. Es dürfte schwer werden, sich gegen die Aufsteiger 1. FC Nürnberg, Borussia Mönchengladbach oder St. Pauli durchzusetzen. "Das wird eine komplizierte Saison", ahnt auch der Trainer. Die Begehrlichkeiten sind durch den Klassenerhalt gestiegen. Ein Fan fragte beim ersten Training, als sich die Mannschaft nach 20 Minuten noch nicht blicken ließ: "Wo bleibt Figo?"

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