• Englands EM-Aus: Beckham und Co. scheitern kläglich im Bemühen, Hagis Erben mit Kick and Rush in den Griff zu bekommen

Sport : Englands EM-Aus: Beckham und Co. scheitern kläglich im Bemühen, Hagis Erben mit Kick and Rush in den Griff zu bekommen

Martin Hägele

Die vier Geschäftsleute aus London guckten beim Frühstück wie englisches Regenwetter. Sprachen nichts, nippten nur an ihren Tassen. "Sie haben gestern Abend auch nichts getrunken, nachdem sie aus Charleroi zurückgekehrt sind", erzählt der Nachtportier des Hotels in der Antwerpener Altstadt. Obwohl sich Engländer nach dem Fußball sonst gern ein Bier genehmigen. Doch seit der 2:3-Niederlage und dem EM-Aus gegen Rumänien liegt Depression über dem Mutterland des Fußballs. Das schon lange erwartete Unheil ist eingetreten. "Two rotten teams", zwei verfaulte Mannschaften, hatte Brian Glanville, der Autor des Fußball-Bestsellers "The rise and fall of Gerry Logan", schon vor ein paar Tagen ausgemacht, aber da überschwemmte die nationale Euphorie vom Sieg über Deutschland die drohenden Menetekel.

Wie die dreimaligen Welt- und Europameister aus Germany sind auch die Stars der Premiere League ausgeschieden, bevor das Turnier richtig losgeht. Man kann nicht einmal diskutieren über Glück oder Schicksal. Die Rumänen haben Fußball gespielt, die Engländer führten die Fußball-Version von der Insel vor: Kick and rush in Urform. Danach hatte es selbst dem immer lustigen Kevin Keegan die Sprache verschlagen. Jetzt gehe es in die Ferien, und danach gelte alle Konzentration dem Kampf gegen Deutschland in der WM-Qualifikation.

Harte Tage für Keegan, dessen Fehlerlisten nun veröffentlicht werden. Sie sind fast genauso lang wie die Versäumnis-Kladde vom Kollegen Ribbeck. Beide waren nicht in der Lage, ihren Leuten taktische Maßnahmen zu vermitteln und ein passendes System zu finden. Keegan versuchte sich an der 4-4-2-Formation. Doch all die Vorzüge dieser Strategie waren schon im Ansatz geopfert, als der Trainer auf den Seitenposten der hinteren Viererreihe die Brüder Philip und Gary Neville stellte, zwei antiquierte Rückwärtsverteidiger. Ein Schlag ins Gesicht von Sir Alf Ramsey, der vor 35 Jahren beim Aufbau des einzigen britischen Weltmeister-Teams die über die Flügel attackierenden Außenverteidiger erfunden hatte.

Keegans Thesen sind naiv, aber er wirkt ehrlich bei seiner Selbstverteidigung. Seine Mannschaft habe schon einen Plan gehabt. Vor jedem EM-Spiel sei geredet worden. "Wir müssen den Ball zirkulieren lassen." Die Wirklichkeit hat anders ausgesehen. Keegan: "In allen drei Spielen sind wir jeweils eine Stunde Ball und Gegner hinterhergerannt." Das stimmt. Aber dann vertritt er Meinungen, die ihn fachlich enttarnen. David Beckham, sagt Keegan, habe eine hervorragende Europameisterschaft gespielt. Die ersten 30 Minuten gegen Portugal. Die paar Sekunden in der Deutschland-Partie vor seinem Freistoß, der zum 1:0 führte. Gegen Rumänien ist der Popstar der Premiere League nicht mehr aufgefallen als einer der Balljungen. Ein Armutszeugnis, das sich mit Ausnahme des athletischen Stoppers Sol Campbell generell auf die englische Equipe übertragen lässt. Doch weil das Volk seinen alten Helden Keegan immer noch liebt, wird Keegan nach dem ersten Kreuzverhör weitermachen. All die gutgemeinten Ratschläge, wonach der taktisch unbedarfte Chef auf diesem Gebiet einen Berater brauche, werden im Papierkorb landen.

Was die Autoriät des Fußballchefs betrifft, braucht sich in Rumänien kein Mensch Gedanken zu machen. Trainer Emerich Jenei hat nur kurz die Metamorphose seines Teams zu loben, das nach der Sperre von Supermann Gheorghe Hagi "versucht hat, wie ein Kollektiv zu spielen". Und anstatt einmal die wahren Hintergründe zu erklären, weshalb nun er, Dorinel Munteanu, Torschütze und Mann des Spiels, auf dem Podium sitze, und nicht wie sonst immer nur als Hiwi vom großen Hagi dem die Bälle hinterhergetragen habe, hat der Profi vom VfL Wolfsburg seine Grüße an 23 Millionen Rumänen aufgetragen, "die jetzt sehr glücklich sind".

Und wer war der Glücklichste? Den Bocksprüngen nach hätte es Viorel Gainea sein können. Welcher rumänische Profi träumt nicht davon: eine Viertelstunde vor Schluss eingewechselt, der Schiedsrichter pfeift Strafstoß, und weil Hagi auf der Tribüne sitzt, gucken alle Mannschaftskollegen auf dich. Beobachter, die vom VfB Stuttgart her wissen, wie Ganea mit Torchancen umzugehen pflegt, befürchteten in diesem Augenblick jahrelange psychiatrische Therapie für den 26-jährigen Mittelstürmer. Aber "ich war ganz ruhig beim Strafstoß", sagte Ganea hinterher, "ich habe alle Emotionen ausgeschaltet". Und wie ein Elfmeter-Experte schickte er Nigel Martyn in die rechte Ecke, den Ball nach links. Doch nicht im entferntesten hätte der Mutigste der Rumänen nun Ansprüche gestellt. "Hagi muss spielen gegen Italien, er ist der beste von uns."

Der König von Rumänien stand einige Meter weiter und hat sich gefreut. Über das größte Geschenk, das ihm seine Mitspieler gemacht haben. Lauter brave Untergebene. Und weil er sich bestätigt fühlte in seiner Meinung. "Es wird auch ohne Hagi weiter guten rumänischen Fußball geben."

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