Sport : Entscheiden in Zeiten des Zweifels

Dopinggerüchte: Wer soll noch beim Istaf starten?

Frank Bachner

Berlin - Im März hätte sich Gerhard Janetzky einen Weltrekord bestellen können. Leichtathletik-Weltrekorde kann man vielleicht nicht buchen wie eine Flugreise, aber die Planung eines Weltrekords für einen bestimmten Tag, die kann man kaufen. Die Manager von Top-Stars nehmen immer im Frühjahr entsprechende Wünsche entgegen. Für Janetzky ist der entscheidende Tag der 3. September, da findet im Olympiastadion das Istaf statt, das Finale der Golden-League-Serie. Janetzky ist Geschäftsführer des Istaf.

Er sagt jedoch: „Wir haben keine Weltrekorde verabredet.“ Für ihn ist das eine Frage der Glaubwürdigkeit. Denn er will „die Rolle des Saubermanns spielen“. Weltrekorde sind in dieser Zeit sehr verdächtig, wer einen Weltrekord aufstellt, muss sich sofort gegen Dopinggerüchte wehren. Es ist einfach zu viel passiert. Justin Gatlin rannte die 100 Meter in 9,77 Sekunden – Weltrekord. Kurz darauf flog der US-amerikanische Sprinter mit einer positiven Probe auf. Janetzky will keine Leistungen mehr, die mehr hinterfragt als bejubelt werden. „Man ist sensibler geworden, der Fall Ullrich hat da vieles bewirkt“, sagt er.

Wenn Janetzky das Istaf plant, gerät er schnell in einen Zwiespalt. Auf der einen Seite will er Saubermann sein, auf der anderen Geschäftsmann. Er muss schließlich auch Geld verdienen mit dem Meeting, die Ausrichtung des Istaf kostet 2,5 Millionen Euro. Eine wesentliche Einnahmequelle sind die Zuschauer. Denen kann er nicht namenlose Athleten vorsetzen, die fünftklassige Leistungen bringen. „Und in der Leichtathletik gibt es nur zehn bis zwölf Namen, die ziehen“, sagt er.

Marion Jones zum Beispiel. „Die ist als Name bombastisch“, sagt Janetzky. Nur ist Jones in den Balco-Dopingskandal verstrickt und hat zudem vor ein paar Wochen eine positive A-Probe abgeliefert. Ihre Verwicklung in den Balco-Skandal war auch schon im vergangenen Jahr bekannt. Doch während sich damals Direktoren großer Meetings für ein generelles Startverbot von Jones aussprachen, wollte Janetzky die Sprinterin laufen lassen: „Solange sie nicht positiv getestet wurde, gilt die Unschuldsvermutung.“ Jetzt sagt der Istaf-Chef: „Heute sehe ich das etwas anders.“

Inzwischen ist es Janetzky, der weiter geht als seine Kollegen. Vor den Europameisterschaften im August preschte er mit der Absicht nach vorne, keine Athleten des amerikanischen Trainers Trevor Graham mehr zu verpflichten. Janetzkys Kollege Hansjörg Wirz vom Züricher Golden-League-Meeting lehnte dies ab: „Ich glaube nicht, dass wir hier isoliert handeln sollten, das Problem betrifft schließlich nicht nur die Organisatoren.“ Er warte lieber auf weitere Indizien gegen die Verdächtigen.

Während Justin Gatlin der Weltrekord aberkannt wird, startet in Berlin Asafa Powell aus Jamaika, der ebenfalls mit 9,77 Sekunden Weltrekord lief. Auch er ist eine Zugnummer. Und 400-Meter-Olympiasieger Jeremy Wariner aus den USA kommt, der seine Strecke beherrscht wie kein Zweiter. Weltrekordhalter in einer dopingverseuchten Disziplin, Dominanz, da bleiben Fragen. Janetzky kann sie nicht beantworten, er kann nur die Liste abarbeiten, die er für sich aufgestellt hat. Dort stehen die Punkte, anhand derer er entscheidet, ob er jemanden guten Gewissens einladen kann. Die Frage nach dem Umfeld eines Athleten zum Beispiel. Wer ist der Trainer? Sind dessen Athleten als Doper aufgefallen? Während aus Grahams Trainingsgruppe schon neun Athleten auffällig geworden sind, gab es aus Powells Gruppe noch keinen Vorfall.

Nächster Punkt: auffällige Leistungssteigerungen. Oder: Hat jemand Trainingskontrollen versäumt? In England, hat Janetzky gelesen, seien Dutzende Athleten in letzter Zeit kurzfristig unauffindbar gewesen. „Bei Engländern bin ich eher zurückhaltend“, sagt er. „Aber bei Indizien bewege ich mich auf dünnem Eis.“ Sein Bauchgefühl spielt manchmal gar keine Rolle. Da muss er Stars nehmen, ob er will oder nicht. „Ich bin gezwungen, mehrere Leute aus den Top Ten der Weltrangliste zu nehmen“, sagt Janetzky. Das schreibt der Internationale Verband für Golden-League-Meetings vor.

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