Sport : Entwicklungshilfe aus Botswana

Wie sich Nia Künzer nach drei Kreuzbandrissen wieder herankämpfte und Deutschland zum WM-Titel köpfte

Helen Ruwald

Im DFB-Pokalfinale 2002 war es, als Nia Künzer im Berliner Olympiastadion Anlauf nahm und auf dem Bauch über den nassen Rasen rutschte, bis vor die Trainerbank. Die Abwehrspielerin feierte mit dem Bauchklatscher ihr 5:0 für den 1. FFC Frankfurt gegen den Hamburger SV. Ein Kopfballtor, „was mir so gut wie noch nie gelungen ist“. Am Sonntagabend wuchtete sie den Ball erneut mit dem Kopf ins Netz, und wer weiß, wohin sie gerutscht wäre, wenn sie denn gekonnt hätte. Aber zum einen war der Rasen in der Hitze von Carson, Kalifornien, nicht nass, zum anderen warfen sich die meisten Mitspielerinnen nach dem Treffer auf die 23-Jährige, die schließlich auf allen vieren aus dem Menschenknäuel hervorkrabbelte. „Ich musste zusehen, dass ich aus dem Haufen heil herauskomme“, erzählte sie. Denn Nia Künzer hatte diesmal nicht irgendein Tor geköpft – es war das Golden Goal im WM-Finale gegen Schweden. In der 88. Minute war sie eingewechselt worden, zehn Minuten später gelang ihr das 2:1, Deutschlands Fußballerinnen waren Weltmeister.

„Vor dem Freistoß, der zum Tor führte, habe ich gebibbert und gebetet: Lieber Gott, wir haben es verdient. Der Ball muss jetzt drin sein“, erzählte Torhüterin Silke Rottenberg. Sie wurde erhört. Höhere Mächte schienen nötig, hatten die Schwedinnen doch Ende der regulären Spielzeit hochkarätige Chancen vergeben, darunter einen Kopfball zwei Meter vor dem leeren Tor.

„Es ist ein unglaubliches Gefühl. Eigentlich wollte ich nur noch ein bisschen Dampf machen“, erzählte Künzer, für die sich bis zu jener 98. Minute bei der WM niemand wirklich interessiert hatte. Die Stars waren andere, Rottenberg, Spielmacherin Maren Meinert, die im Finale zum 1:1 ausglich, und natürlich Birgit Prinz. Diese drei hatten auch vor zwei Jahren im EM-Finale in Ulm auf dem Platz gestanden. Auch damals hatte Deutschland durch ein Golden Goal gewonnen, auch damals gegen Schweden. Nia Künzer war nur als Expertin des ZDF dabei, ein Bänderanriss im Sprunggelenk kurz vor der EM verhinderte ihren Einsatz im DFB-Team. Für die Pädagogikstudentin eigentlich eine Lappalie. Drei Kreuzbandrisse hat sie in ihrer Karriere schon erlitten, zwei links, einen rechts. Den letzten zog sich Künzer vor 16 Monaten zu, zwei Wochen nach dem Uefa-Cup-Sieg mit dem 1. FFC Frankfurt. „Die ersten Tage danach war ich wie betäubt, ich habe mich total leer gefühlt“, sagte sie später. Drei so schwere Verletzungen in jungen Jahren bedeuten für andere das Karriereende. Doch Künzer kämpfte sich jedesmal in monatelanger Schinderei wieder heran. Ihre Ziele wurden bescheiden, „man will ohne Krücken wieder laufen können, dann joggen, dann Fußball spielen“.

Die Hessin hat schon als Kind gelernt, sich durchzubeißen. Ihre Eltern waren Entwicklungshelfer in Botswana, wo Nia Künzer auch geboren wurde, und später Pflegeeltern in einem Albert-Schweitzer-Kinderdorf bei Wetzlar. Dort wuchs Nia Künzer zusammen mit ihrem leiblichen Bruder und sieben Pflegegeschwistern auf, „da lernt man sich durchzusetzen“. Zumindest hatte sie immer jemanden, mit dem sie kicken konnte, vier Brüder nämlich. Teamgeist und Verantwortungsbewusstsein halfen ihr auch beim 1. FFC Frankfurt, mit dem sie Meister und Pokalsieger wurde und 2002 den Uefa-Cup gewann. Mit 19 Jahren wurde sie in dem Ensemble etablierter Nationalspielerinnen Spielführerin, nicht Birgit Prinz, die damals schon zweifache Europameisterin und Vizeweltmeisterin war. „Das war anfangs schon ein komisches Gefühl“, erinnert sich Künzer.

Doch an das Kapitänsamt hat sie sich längst gewöhnt, genauso wie an seltsame Telefonanrufe. Wie den eines Sprachforschers, der sich bei ihrer Mutter meldete, um sich mit dieser über den Vornamen Nia zu unterhalten. „Das heißt ’ich kann oder ich will’“, erklärt Künzer. Ihr zweiter Vorname Tsholofelo ist Tswana für „Hoffnung“. Können, Wille, Hoffnung – alles hat in Künzers Karriere eine wichtige Rolle gespielt. Während der vielen Monate beim Aufbautraining. Und am Sonntag, in der 98. Minute von Carson.

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