Sport : Er hat seinen Job gemacht

Michael Schumacher gewann in Imola ein Formel-1-Rennen – kurz zuvor war seine Mutter verstorben

Karin Sturm

Imola. Michael Schumacher presst die Lippen zusammen. Je länger die Nationalhymne dauert an diesem bewölkten Ostersonntag, desto mehr zieht sich der Formel- 1-Fahrer in sich selbst zurück, dort oben auf dem Siegerpodest. Er kämpft mit den Tränen, der Weltmeister, nach seinem ersten Sieg in diesem Jahr. Am Arm trägt er einen Trauerflor, sein Bruder Ralf saß mit einem schwarzen Streifen am Helm im Auto – beide haben ihre Mutter verloren an diesem Tag. Elisabeth Schumacher ist gestorben, und ihre Söhne sind ein Autorennen gefahren. Michael wurde Erster, Ralf Vierter.

„Unsere Mutter hat immer sehr gerne zugeschaut, wenn wir auf der Rennstrecke gegeneinander gekämpft haben“, lässt Michael Schumacher am Tag danach über seine Homepage mitteilen. Und: „Sie hätte sicherlich gewollt, dass wir fahren.“ Der Rest ist Schweigen. An der Strecke hatte keiner der beiden ein Statement abgeben wollen. Und niemand wollte sie danach fragen.

Am Abend vor dem Rennen fliegen sie noch einmal zu ihrer Mutter, ins Krankenhaus nach Köln. Seit zehn Tagen liegt sie dort mit inneren Blutungen im Koma. „Ich hoffe sehr, dass sich alles noch zum Guten wendet“, sagt Ralf Schumacher, bevor er mit seinem Bruder ins Flugzeug steigt. Es wird das letzte Mal sein, dass sie ihre Mutter sehen. Am nächsten Morgen stehen die Brüder am Start. Nebeneinander, in der ersten Reihe.

So mancher Rennfahrer versteht das alles nicht so recht. „Ich kann das nicht nachvollziehen“, sagt Juan-Pablo Montoya. Nach den Anschlägen vom 11. September seien die Schumachers so betroffen gewesen, dass sie sich in Monza nicht richtig auf das Rennen konzentrieren konnten. „Und jetzt, wo ihre eigene Mutter im Sterben liegt, da fahren sie ohne Probleme in die erste Startreihe.“

Elisabeth Schumacher ist 55 Jahre alt geworden. Ihre letzten Jahre verbrachte sie in ihrem Haus in Kerpen. In jenem kleinen Ort, der nur für eines berühmt ist: die Kart-Bahn, auf der die Karriere ihrer beiden Söhne begann. Als die Jungs zu Millionären wurden und zu umjubelten Stars, zog sich die Frau immer mehr in ihr eigenes Leben zurück. Bei Rennen war sie kaum dabei, Beobachter berichten von einem distanzierten Verhältnis. Öffentlich sagte Michael Schumacher: „Wir haben unseren Eltern alles zu verdanken. Wir lieben sie sehr.“

Das Rennen ist vorbei. „Es war heute sehr schwer für Michael – aber er hat seinen Job gemacht und fantastische Arbeit geleistet“, sagt Jean Todt, der Rennleiter von Ferrari. „Michael hat gezeigt, dass er nicht nur ein ganz besonderer Fahrer ist, sondern auch ein ganz besonderer Mensch.“ Nach Todts Darstellung hatte das Team seinem Fahrer freigestellt, an den Start zu gehen. Allerdings berichtete „Bild am Sonntag“, dass Schumacher für seinen Flug zur kranken Mutter nur vorübergehend freigestellt worden sei. Todt sagt nach dem Rennen: „Es war allein Michaels Entscheidung. Wir würden nie einen Fahrer dazu drängen, zu fahren, wenn er es nicht will.“ Danach redet Todt davon, wie wichtig der Sieg für Ferrari war. Frank Williams, der Chef des BMW-Williams-Teams, sagt: „Für Ralf Schumacher war es nie eine Frage, ob er fährt oder nicht.“

Die Fahrer sind nachdenklich an diesem Tag. David Coulthard denkt darüber nach, wie er sich wohl selbst in einer vergleichbaren Situation verhalten hätte. „Ich würde mich fragen, was die Verstorbene wohl gewollt hätte, was sie sich gewünscht hätte. Ich muss sagen, dass ich die Frage so für mich nicht beantworten kann.“ David Coulthard hat einmal einen Flugzeugabsturz überlebt. Danach ist er sofort weitergefahren. „Es ist einfach das, was ich liebe.“

Es ist ein bewölkter Ostersonntag, die Nationalhymne ist verklungen. Michael Schumacher steigt vom Podest. Er hat zum ersten Mal in dieser Saison ein Rennen gewonnen. Die Sektdusche fällt aus.

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