Sport : „Er hatte schon dreimal verloren“

Boris Beckers historischer erster Sieg beim Tennisturnier in Wimbledon jährt sich zum zwanzigsten Mal

Benedikt Voigt

Berlin – Neulich hat Boris Becker seinen alten Trainer enttäuscht. „Das tut mir weh“, sagt Günther Bosch und klingt dabei, als wäre er immer noch für die sportlichen Geschicke des größten deutschen Tennishelden verantwortlich. Das ist er zwar bereits seit 1987 nicht mehr, trotzdem ist der 68-Jährige ehrlich empört, als ihm das Resultat eines Tennis-Schaukampfes in Halle, Westfalen, zu Ohren kommt. „Er hat gegen Thomas Muster verloren, das kann ich nicht verstehen“, sagt Günther Bosch, „auf Rasen!“

Auf Rasen, soll das wohl heißen, ist Boris Becker unschlagbar. Auch als 37-Jähriger, auch als Tennisrentner, auch „mit einem Bäuchlein“, wie Günther Bosch feststellt. Dabei hat Boris Becker vor seinem Rücktritt von der ATP-Tour auf diesem Untergrund durchaus einige bittere Niederlagen eingesteckt. Vier von sieben Endspielen in Wimbledon hat er verloren. Doch am Mythos des auf Rasen unbezwingbaren Boris Becker wird sich nichts mehr ändern, und das liegt vor allem an jenem 7. Juli 1985. Als der rotblonde Junge eine ganze Nation faszinierte. Elf Millionen Deutsche saßen vor den Fernsehgeräten und sahen das 6:3, 6:7, 7:6, 6:4 über Kevin Curren. Fortan haftete an Boris Becker der Superlativ, mit 17 Jahren und 227 Tagen der bisher jüngste Wimbledonsieger zu sein. Bei den morgen beginnenden All England Championships jährt sich dieses Ereignis zum 20. Mal.

„Es war ein Schicksalstag“, hat Boris Becker im Interview mit der „FAZ“ gesagt, „mein Leben wurde nach diesem denkwürdigen Tag auf einmal in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt.“ Daran hat sich nie mehr etwas geändert. „Es gibt zum Glück keine öffentliche Feier“, sagt Boris Becker, er wolle den Freudentag im engsten Familienkreis feiern. Auch wolle er sich nicht mehr dazu äußern. „Ich lebe im Hier und Jetzt.“

Für Günther Bosch ist jene Zeit noch sehr präsent. „Es war die schönste Zeit für mich“, sagt der Deutsch-Rumäne, „aber ich bin nicht wehmütig.“ Nach Wimbledon waren beide damals mit einem guten Gefühl angereist. Eine Woche zuvor hatte Boris Becker in Queens seinen ersten Grand-Prix-Sieg erreicht. „Er kam mit einer Aufschlag-Variante, die alle überrascht hat“, sagt Bosch. Doch das Wimbledon-Turnier 1985 wartete mit unglaubliche Gefühlsstürmen für beide auf. „Er hatte vor dem Finale schon dreimal verloren“, erinnert sich Bosch.

Fast verloren, denn schon damals besaß Boris Becker seine wichtigste Fähigkeit, große Rückstände mit einem gewaltigen Willensakt noch umzudrehen. „Das konnte er wie kein anderer“, sagt Bosch. In der ersten Woche hatte er im Match gegen den Schweden Joakim Nyström das Ausscheiden vor Augen , im Achtelfinale benötigte er gegen den US–Amerikaner Tim Mayotte fünf hart umkämpfte Sätze, und im Halbfinale gegen den Schweden Anders Jarryd kam ihm der Regen zu Hilfe. An jenem Freitag fegte ein spektakulärer Sturm über das Gelände an der Church Road und vertagte sein Spiel auf Samstag.

An die Gespräche am Freitagabend erinnert sich Günther Bosch noch gut. „Boris war verzweifelt“, sagt der Tennislehrer, „er war sein größter Gegner.“ Er habe keinen Rhythmus, jammerte sein Schützling, irgendetwas stimme nicht. Günther Bosch fühlte sich als Psychologe gefragt. „Es ist okay, du hast schon sehr viel erreicht“, sagt er ihm. Andererseits appellierte er an seinen Ehrgeiz. „Du hast die Chance, ihn zu schlagen.“ Heute sagt Bosch: „Der Regen am Freitag hat ihn gerettet.“

Am Samstag stellte er schließlich das 2:6, 7:6, 6:3, 6:3 sicher. Sein Endspielgegner Kevin Curren aus Südafrika hatte bereits am Freitag gewonnen und konnte vor jenem schicksalsträchtigen Sonntag pausieren. Er hatte nacheinander die Tennisgrößen Stefan Edberg, John McEnroe und Jimmy Connors bezwungen – ohne auch nur einen Satz abgeben zu müssen. Trotzdem war sich Bosch sicher, dass Boris Becker das Endspiel gewinnen würde. „Curren hatte nur einen Rückhand-Slice, da war die Taktik, immer auf die Rückhand zu servieren, ein gutes Mittel.“ Boris Becker schlug in dem Endspiel 21 Asse, später sagte John McEnroe, dass so ein Schläger verboten gehöre. Doch Becker begründete damit einen Trend, denn in Pete Sampras und Goran Ivanisevic folgten ihm weitere mächtige Aufschläger als Wimbledon-Sieger nach.

Im Gegensatz zu Boris Becker wird Günther Bosch den Jahrestag des Wimbledon-Sieges nicht feiern. Er wohnt in Monte Carlo und gibt Tennisstunden beim LTTC Rot-Weiß Berlin. „Ich bin in Tennis verliebt“, sagt der Trainer, „ich helfe jedem, wenn er seine Rückhand verbessern will.“ Ab und zu trifft er Boris Becker, zufällig, und wenn sie sich sehen, fragt einer von beiden: „Wie geht’s?“ Mehr aber auch nicht. „Es ist nicht mehr so wie früher“, sagt Günther Bosch. Beide wissen: Der 7. Juli 1985 ist Geschichte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben