Sport : Erfolgreich durch Unterschiede

Trainer Pagé und Manager Lee haben verschiedene Arbeitsstile - vielleicht ist die Zusammenarbeit bei den Eisbären daher so fruchtbar

Sven Goldmann,Claus Vetter

Berlin - Es war Mittwochmittag, als der Manager seinen Trainer mit einer ganz besonderen Personalie überraschte. Seit ein paar Wochen schon lag das Gerücht in der Hohenschönhausener Luft, die Berliner Eisbären seien an Olaf Kölzig interessiert, einem der besten Eishockeytorhüter der Welt, dazu noch ausgestattet mit einem deutschen Pass. An diesem Tag im Februar nun meldete Eisbären-Manager Peter John Lee Vollzug: „Wir haben Kölzig, er hat unterschrieben, morgen fliegt er nach Berlin.“ Trainer Pierre Pagé war hocherfreut und ging gleich in die Kabine, um die Mannschaft zu informieren. Die Profis aber winkten nur ab: „Wissen wir doch längst, Trainer, morgen kommt er an“, ein Spieler wusste sogar die genaue Ankunftzeit. In diesem Augenblick ging Pagé auf, dass er wohl mal wieder als Letzter eingeweiht worden war.

Diese Episode ist eine von vielen aus dem Arbeitsalltag in Hohenschönhausen. Peter John Lee und Pierre Pagé stehen für den sportlichen Erfolg, der gestern im Gewinn der deutschen Meisterschaft gipfelte. Beide arbeiten sie rund um die Uhr für ihren Klub, haben durchaus ähnliche Ansichten, aber grundverschiedene Herangehensweisen. Wer das kritisch interpretiert, könnte schon ein kleines Kommunikationsproblem zwischen den beiden Leitenden Angestellten der Eisbären konstatieren. Positiv formuliert könnte man aber auch sagen, dass die Zusammenarbeit zwischen Pagé und Lee vielleicht gerade wegen ihrer konträren Arbeitsstile so fruchtbar ist. Der Manager hat bei der Verpflichtung neuer Spieler in den letzten, erfolgreichen Jahren wenig falsch gemacht. Dabei hat sich allerdings meist nicht – wie es häufig nach außen wirkt – der Trainer durchgesetzt. Pierre Pagé darf seine Wünsche äußern, aber sie werden eher selten erfüllt. Die Transfers und Verträge organisiert allein Peter John Lee, und er weiß offensichtlich, wer sich in Pagés Konzept fügt.

Auf der anderen Seite ist dem Manager klar, dass er als Trainer längst nicht über Pagés Qualitäten verfügt. An dessen Kompetenz in Sachen Eishockey zweifeln auch nicht seine zahlreichen Kritiker, die sich eher an seinem Temperament stören. Pagé kann in der Kabine schon mal sehr laut werden, und er drückt sich dann keineswegs so gewählt aus wie bei seinen Exkursen über Philosophie und Literatur abseits des Eises. In seinen gut drei Berliner Jahren hat Pagé noch kein einziges Kabinenfest zugelassen, und wenn er nach einem Spiel oder, schlimmer noch, im Mannschaftsbus einen Spieler mit einer Bierflasche erwischt, dann hat das für den Betreffenden denkbar unangenehme Folgen. Er erwartet von seinen Spielern keine Freundschaft, sondern Respekt – und steht damit im direkten Gegensatz zu Peter John Lee. Der war auf der Berliner Trainerbank einer von Pagés Vorgängern, und die deutschen Spieler beschwerten sich damals ein ums andere Mal über den großen Einfluss der kanadischen Profis. Das hat sich unter Pagé grundlegend gewandelt, auch wenn die Nordamerikaner weiter die größte Fraktion im Team stellen.

Das Berliner Nachwuchsprogramm, über das in den vergangenen Jahren zahlreiche junge deutsche Spieler an das in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) geforderte Niveau herangeführt worden sind, ist Pagés Werk. Hier ist er der Visionär, der bewiesen hat, dass er im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen über den kurzfristigen Erfolg einer Saison hinaus denkt.

Pagé sucht den Konflikt und vergisst sich schon mal, Lee ist eher konfliktscheu und hat sich dafür in seiner Außendarstellung stets unter Kontrolle. Es gab Situationen, in denen beide Seiten dieses so ungleichen Duos ernsthaft am Sinn einer weiteren Zusammenarbeit zweifelten. Sowohl Lee als auch Pagé haben dies schon mal hinter vorgehaltener Hand geäußert. Doch nichts ist so konfliktentschärfend wie der Erfolg, und der spricht in dieser Saison eindeutig für die Zusammenarbeit der beiden unterschiedlichen Charaktere.

Auch wenn die Reibereien weitergehen, zum Beispiel im Fall von Lees spektakulärster Verpflichtung. Olaf Kölzig wurde in Berlin mit großem Brimborium empfangen und machte ein paar hervorragende Spiele, doch dann verletzte er sich am Knie und erklärte seine Saison für beendet. Während Pagé noch damit beschäftigt war, den nach Kölzigs Verletzung völlig verunsicherten ehemaligen Stammtorhüter Oliver Jonas aufzubauen, hatte Peter John Lee eine ganz andere Idee: „Olaf kann uns mit seiner Erfahrung helfen. Auch auf der Ersatzbank, als moralische Unterstützung.“ Ein Spiel lang gab der lädierte Kölzig den Ersatztorhüter, dann schickte ihn der Trainer auf die Tribüne: „Ein verletzter Spieler kann uns nicht helfen“, sagte Pierre Pagé. „So etwas ist Unsinn!“

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