Erik Zabel : Zwischen Doping und Jan Ullrich

Erik Zabel beendet seine Karriere. Sein ambivalentes Verhältnis zu Konkurrent Jan Ullrich erzählt viel über das, was im Radsport in den letzten 15 Jahren passiert ist.

Mathias Klappenbach
Zabel
Letzte Etappe. Erik Zabel bei seinem Rücktritt. -Foto: dpa

Berlin - Was bleibt, sind die Tränen. Und die Vergebung. Gestern hat Erik Zabel seinen Rücktritt vom Radsport erklärt, bei Straßenrennen wird er nicht mehr antreten, wohl aber bei einigen Sechstagerennen. Es ist ein Abschied von dem Sport, in dem er mehr als 200-mal schneller als alle anderen ins Ziel sprintete. Das stärkste Bild des 38-Jährigen wird aber jenes von der Pressekonferenz im vergangenen Jahr bleiben, bei der Zabel live im Fernsehen weinend eingestand, es 1996 mit dem Blutdopingmittel Epo versucht zu haben. Nur für eine Woche, dann habe er es wieder abgesetzt. Es waren die Tage der großen Beichten im Radsport, und es hätte nicht verwundert, wenn ein solches Minigeständnis weitere Zweifel geweckt hätte. Doch die Fans verziehen Zabel und bejubelten ihn einige Tage später bei der Bayern-Rundfahrt. „Die Leute, die mir applaudieren, sind wahrscheinlich Leute, die wie du und ich Fehler gemacht haben in ihrem Leben und die Verständnis zeigen.“ Für einen, der sich ansonsten immer angestrengt und zuverlässig seine Arbeit gemacht hat.

Dafür ist Zabel immer vom Publikum respektiert worden. Bewundert wurden andere, vor allem natürlich Jan Ullrich. Das ambivalente Verhältnis von Zabel zu Ullrich erzählt viel über das, was im Radsport in den vergangenen 15 Jahren passiert ist. Ullrich kam zum Team Telekom, als es eigentlich schon gar nicht mehr da war. 1995 hatte Zabel mit zwei Etappensiegen bei der Tour de France den zweifelnden Sponsor davon überzeugt, weiter zu investieren. 1997 siegte dann Ullrich bei der Tour, und Deutschland erlebte einen Radsportboom. Zabel bemängelte, dass Ullrichs Erfolg „alles andere im Radsport zerstört“ habe und Rennen nur noch mit Ullrich oder gar nicht veranstaltet würden. Der gebürtige Berliner war stets der Purist geblieben, der als Zehnjähriger nachts das Licht angeknipst hatte, um zu überprüfen, ob sein erstes Rennrad wirklich noch da ist. Als Profi fuhr er vom Frühling bis zum späten Herbst Rennen und mokierte sich über die Spezialisten wie Ullrich, der erst aus dem Winterschlaf erwachte, wenn Zabel schon den Klassiker Mailand–San Remo gewonnen hatte, was ihm gleich viermal gelang. Dass Radsport mit der Tour de France gleichgesetzt wird, ärgert Zabel, der sich jeden Tag aus Liebe auf sein Rad gesetzt hat. „Wenn man nach drei oder vier Stunden den Kopf freibekommt, das sind eigentlich die schönsten Augenblicke.“ In einer Höhenkammer hätte er nie trainiert.

Zabel war Radfahrer, um mit dem Rad zu fahren, deshalb wechselte er nach der Wende aus dem „fiesen Schleifersystem“ der DDR in den Westen, wo er bis heute im Ruhrgebiet in Unna lebt. Als Jan Ullrich „Radsportler des Jahres“ wurde, merkte Zabel an, dass es nicht „Radsportler des Monats Juli“ heiße. Dass Ullrich auch ihm mehr Aufmerksamkeit und Geld eingebracht hat, gestand Zabel erst später ein. Denn er hatte es nicht leicht mit Ullrich, auf den alles fokussiert war. Erst wurden Zabels Sprinthelfer aus dem Tour- Team gestrichen, schließlich 2005 sogar Zabel selbst, der von 1996 bis 2001 sechsmal in Serie das Grüne Trikot des Punktbesten bei der Tour gewonnen hat – insgesamt siegte er bei zwölf Etappen. Sein letzter Erfolg sollte nach seinem Geständnis aus den Siegerlisten gestrichen werden, wegen Verjährung steht er dort aber immer noch. Jan Ullrich ist abgetaucht und hat sich zur Vergangenheit nicht erklärt, sein Name in der Siegerliste stand nie zur Disposition. Dazu sagt Zabel nicht viel, er sieht sich „nicht in der Position“ dafür.

Seine Position war stets die des harten Arbeiters, der ebenso oft Zweiter oder Dritter geworden ist wie Erster. Der Respekt der Zuschauer wurde 2004 noch größer, als im Kino erfolgreich die Dokumentation „Höllentour“ mit ihm und seinem Freund Rolf Aldag als Protagonisten lief. Es passt zu Zabel, dass dieser Film über die Leiden für sein Image mehr bewirkte als sein Sieg im Weltcup 2000 oder seine Wahl zum „Sportler des Jahres“ 2001.

Die letzten Jahre ist er für das Team Milram gefahren. „Ich hatte viel Spaß am Radsport und konnte auf Augenhöhe mit der Konkurrenz fahren. Ich weiß nicht, ob das in einer weiteren Saison noch möglich wäre, und denke, dass dies daher der richtige Moment ist, um aufzuhören“, sagte Zabel gestern. Am Sonntag startet er noch einmal bei der WM, sein letztes Straßenrennen in Deutschland ist dann am 3. Oktober der kleine „Münsterland-Giro“. Da können sich die Zuschauer noch einmal auf Augenhöhe mit Erik Zabel fühlen.

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