• Erinnerungen an die Feldhandball-WM vor 40 Jahren in Wien - Ost und West mussten den Finalsieg getrennt feiern

Sport : Erinnerungen an die Feldhandball-WM vor 40 Jahren in Wien - Ost und West mussten den Finalsieg getrennt feiern

Eberhard Löblich

Der Jahrestage waren viele zu feiern in diesen Tagen. Kaum jemand gedachte jedoch eines einmaligen Jahrestages der deutschen Sportgeschichte. Vor 40 Jahren, im Jahr 1959, als die sportpolitischen Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten zunehmend frostiger wurden, wurden die beiden Deutschlands in Wien letztmalig in einem vereinten Team Weltmeister: im Feldhandball.

Das war damals eine sehr populäre Sportart, die mit dem heute gepflegten Hallenhandball wenig zu tun hat und vom Spielaufbau mit elf Feldspielern eher an Fußball erinnert. Mannschaftskapitän des gesamtdeutschen WM-Teams war damals der Magdeburger Hans-Jürgen Wende, genannt "Bubi". Und der bekommt noch heute glänzende Augen, wenn er sich an diesen sportlichen Triumph über die politische Teilung Deutschlands zurück erinnert: "Trotz der unterschiedlichen Charaktere und Staatsbürgerschaften waren wir damals eine verschworene Gemeinschaft. Elf Freunde müsst Ihr sein - das war für uns damals in Wien keine leere Floskel."

Das damals entstandene "Wir-Gefühl" lebt in der Weltmeisterschaftsmannschaft bis heute fort, 40 Jahre nach dem 4:1-Sieg im Finale über Rumänien. "Als 1989 die Mauer aufging, hat sich unser früherer Torwart Heinz Sesselmann daran gemacht, alle aktuellen Adressen zu recherchieren", sagt der heute 73-jährige Wende. Sesselmann organisierte Anfang 1991 auch das erste Wiedersehen der 59er. "Von den 16 Spielern sind damals 14 nach Fraureuth in Sachsen gekommen. Auch unser Trainer Heinz Seiler war dabei."

Seitdem treffen sie sich einmal jährlich, stets am Wohnort eines anderen Spielers. Und sie erinnern sich daran, wie 1958 das gesamtdeutsche WM-Team zusammen gestellt wurde, nachdem der Internationale Handball-Verband alle Anträge der DDR abgelehnt hatte, einen eigenständigen nationalen Verband anzuerkennen. "Es gab damals vier Spiele zwischen den beiden deutschen Auswahlmannschaften, um die jeweils acht besten Spieler beider Teams zu ermitteln", sagt Wende.

Dieses Auswahlverfahren war vor allem für die nicht nominierten Ostdeutschen hart. Die DDR war damals in der Welt die Nummer eins im Feldhandball. Zwischen 1953 und 1959 war die Mannschaft unbesiegt. Aber am Ende galt die Paritäts-Vereinbarung: pro Deutschland acht Spieler und ein Trainer im gemeinsamen Nationalteam. "Feldhandball war damals ja auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze ungeheuer populär", sagt Wende. "Wir spielten in Leipzig vor 80 000 Zuschauern, in Hannover kamen selbst bei strömendem Regen noch 35 000 Fans."

Im vergangenen Sommer kehrte die Weltmeistermannschaft an die Stätte ihres einstigen Triumphes zurück. Am 40. Jahrestag der WM-Eröffnungsfeier gab es einen offiziellen Empfang im Wiener Rathaus. Als Betreuer und Fremdenführer war der selbe Mann zugeteilt worden, der die Deutschen schon 1959 betreut hatte.

Wende wurde nach dem Weltmeisterschaftsfinale als "Karajan des Handballs" und als "Handball-Professor" gefeiert. Der WM-Titel von Wien war Höhepunkt und zugleich Ende seiner Laufbahn als aktiver Spieler. Wende wechselte ins Trainerfach und betreute bis 1962 den SC Magdeburg, dem er heute noch als Ehrenpräsident vorsteht. Dann entschied er sich für den Beruf des Bauingenieurs. Dem Handball blieb er weiter verbunden. "Vor vier Jahren haben wir mit dem WM-Team von 1959 aus Anlass einer Hallen-Einweihung dem Publikum eine kleine Schau geboten. Nach dieser Partie habe ich dann endgültig aufgehört."

Das größte Negativ-Erlebnis seiner Handball-Karriere erlebte Wende übrigens unmittelbar nach seinem größten Triumph: "Kurze Zeit, nachdem wir unsere Goldmedaillen umgehängt bekommen hatten, teilten uns die Mannschafts-Funktionäre mit, dass die Spieler aus dem Westen und aus dem Osten die Weltmeisterschaft getrennt feiern werden", sagt Wende. "Von diesem Zeitpunkt an haben wir uns 32 Jahre lang nicht mehr gesehen."

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