Sport : Erlösung am Netz

Unter seinem neuen Trainer Stefan Edberg spielt Roger Federer in Melbourne so gut wie lange nicht mehr.

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Anmutig aus der Krise. Roger Federer, Weltstar auf dem Weg zurück zu alter Stärke. Foto: dpa
Anmutig aus der Krise. Roger Federer, Weltstar auf dem Weg zurück zu alter Stärke. Foto: dpaFoto: dpa

Severin Lüthi hatte es kommen sehen. Der langjährige Trainer von Roger Federer wusste genau, was nun passieren würde, nachdem sie Stefan Edberg in ihr Team genommen hatten. Jene schwedische Tennislegende also, die das Serve-and-Volley-Spiel einst so ästhetisch und perfekt beherrscht hatte wie niemand sonst. Lüthi ahnte also schon, dass bei jedem Volley, den Federer künftig spielte, sofort Edbergs Handschrift hineingelesen würde. Und tatsächlich schien es am Montag einfach unmöglich, diesen Zusammenhang nicht herzustellen. Federer stürmte so anmutig und entschlossen ans Netz vor wie einer der Helden aus alten Mantel-und-Degen-Filmen – nur mit dem Tennisschläger als Waffe. Das Raunen in der Rod-Laver-Arena von Melbourne wollte gar nicht mehr verstummen. Edberg saß in Federers Box auf der Tribüne, und immer wieder huschte ein Lächeln über das Gesicht des stillen Schweden. Nicht nur ihm gefiel, was er in diesem Achtelfinale der Australian Open sah. So gut wie an diesem Abend gegen Jo-Wilfried Tsonga hatte Federer seit Jahren nicht mehr gespielt.

„Ich bin richtig glücklich über dieses Match“, erzählte der Schweizer nach dem glänzenden 6:3-, 7:5- und 6:4-Sieg über die Nummer zehn der Welt. Bei den French Open im letzten Jahr hatte Tsonga ihn im Viertelfinale noch eiskalt abgefertigt, und überhaupt: In keinem der vier Grand-Slam-Turniere des Jahres 2013 hatte sich der 32-Jährige auch nur die geringste Chance auf den Titel erspielen können. Doch dieser verunsicherte Roger Federer von damals scheint nun nicht mehr zu existieren. „Ich habe es überwunden“, sagte er in Melbourne. „Ich habe keine Zweifel mehr. Ich bin wieder selbstsicherer und ich vertraue wieder darauf, dass ich im nächsten Match gut spielen kann. Das war lange Zeit nicht der Fall.“

In den ersten drei Runden der Australian Open hatte Federer schon souverän gespielt und war ohne Satzverlust geblieben, doch Tsonga war der erste Härtetest. Umso mehr beeindruckte Federers Auftritt: Vom ersten Ballwechsel an demonstrierte er Stärke und Aggressivität. Der Franzose wusste zunächst gar nicht, wie ihm geschah. Die Gewinnschläge flogen ihm nur so um die Ohren. Mit dem frühen Break preschte Federer davon, und er sollte sein eigenes Service kein einziges Mal abgeben. „Ich habe super returniert, mein Timing war gut und ich konnte seinen Aufschlag so gut lesen wie lange nicht“, analysierte Federer. Er ließ Tsonga an gefühlvollen Stoppbällen verzweifeln, passierte ihn mit perfekt gezirkelten Schlägen, und er bewegte sich so leichtfüßig tänzelnd wie ein Boxer.

Und dann waren da diese wunderbaren Volleys. 41 Mal stürmte Federer während der knapp zwei Stunden ans Netz, 34 Mal davon mit Erfolg. So oft hatte man den Schweizer in Melbourne noch nicht im Vorwärtsgang gesehen, in den Matches zuvor suchte er gerade einmal halb so oft den Weg nach vorne. Aber diese Taktik ist eben auch nicht bei jedem Gegner sinnvoll, bei Tsongas Variabilität und seinem eher schwachen Passierspiel sind Netzattacken ideal. Auch returnierte Tsonga nicht so stark, so dass sich Federer mitunter für das Serve-and-Volley-Spiel entscheiden konnte. „Man muss immer etwas abwarten, wie das Match so läuft“, sagte der Schweizer, „aber es klappte am Netz besser, als ich dachte. Ich war solide, schnell und mental bereit.“

Und natürlich hatte er die Taktik mit Edberg zuvor lange besprochen. Federer will von der Erfahrung des 49-Jährigen profitieren, sich zunutze machen, was für den Schweden seinerzeit funktioniert hat. Doch hauptsächlich hilft Edberg ihm dabei, sich wieder wohlzufühlen. Er vertraut ihm, die Gespräche mit ihm tun Federer gut. „Stefan war sehr zufrieden mit meinem Auftritt“, sagte er, „und das macht mich natürlich glücklich.“

Am Mittwoch wartet die nächste, noch schwierigere Bewährungsprobe. Im Viertelfinale geht es gegen den Wimbledonsieger Andy Murray. Und vielleicht ist die Attacke auch dann wieder das Erfolgsrezept.

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