Sport : Eröffnungshymne, zusammengesetzt aus 320 Toiletten-Spülungen

Stefan Liwocha

Am Austragungsort ist der größte und spektakulärste Tennis-Komplex der Welt gebaut wordenStefan Liwocha

Es war ein ungewöhnlicher Härtestest für den neuen "Indian Wells Tennis Garden". 320 freiwillige Helfer standen aufgereiht vor ebensovielen Toiletten und probten den Ernstfall. Auf Kommando drückten sie gleichzeitig alle Spülungen und weihten so auf etwas unkonventionelle Weise die 75 Millionen Dollar teure Anlage ein. Nachdem die Sanitär-Auflage des Bezirks Riverside County problemlos erfüllt war und das Rauschen verstummte, konnte der offizielle Festakt beginnen. Turnierdirektor Charlie Pasarell, sein Geschäftspartner Ray Moore und Tennis-Legende Rod Laver schlugen gleichzeitig im Stadion (16 071 Plätze) für die Fotografen auf, um danach den Lobgesang anzustimmen. "Diese moderne Arena ist der beste Beweis", sagte Laver, "dass Tennis hier bleiben und weiter blühen wird." Die Wüste lebt wie nie zuvor.

Bislang warb das kalifornische Indian Wells in den Reisekatalogen stets mit dem Slogan "Rentner- und Ruheparadies unter Palmen". Es war so etwas wie Mallorca fürdie Europäer. Ab sofort gibt es aber bei Indian Wells noch den Zusatz "weltbekanntes Tennis-Mekka". Wo noch vor 15 Monaten an der Kreuzung der Avenues Miles und Washington der Wind mit dem Wüstensand spielte, steht nun die riesige Arena samt Nebenplätzen. Den Autofahrern auf dem belebten Highway 111 fallen die unzähligen Flutlichmasten schon vom weiten ins Auge. Ein gigantischer Anblick im Niemandsland. Eine Retortenanlage. Wie Las Vegas in Nevada oder Sun City bei Südafrika. "Ich hätte nicht gedacht, dass dies einmal passieren würde", meint Charlie Pasarell, "nicht in hundert Jahren. Es ist einfach phänomenal." Das amerikanische Magazin "Inside Tennis" lobte das Bauwerk bereits als "ehrgeizigstes Wüstenprojekt seit Erbauung der Sphynx". Nun können sich Spieler und Fans selbst davon überzeugen, ob der Tennis Garden soviel Vorschusslorbeeren wirklich auch verdient oder ob es sich mal wieder um die US-typische Übertreibung handelt.

Die sportliche Einweihung hätte sicher nicht treffender sein können. Ab Freitag beginnt in der kalifornischen Wüste drei Autostunden östlich von Los Angeles die neue Tennis Masters Serie der Herren. Nicolas Kiefer (Holzminden) und Thomas Haas (München) sind im top besetzten 64er Feld ebenso dabei wie der Weltranglistenerste Andre Agassi (USA). Sie kämpfen um stattliche 2,95 Millionen Dollar Preisgeld. Zwei Millionen Dollar werden immerhin noch für die 80 Tennisspielerinnen (darunter auch Anke Huber/Karlsdorf) ausgeschüttet, die parallel beim WTA-Event aufschlagen. Damit erreicht Indian Wells ein Grand Slam Niveau - und genau dies hatte Pasarell mit dem "neuesten und spektakulärsten Tennis-Komplex der Welt" (Werbeslogan) angestrebt. "Ich wusste, dass wir mit unserem alten Stadion bereits zu den top 10 der Welt zählten", meinte der 57jährige, "aber ich wollte immer der Beste sein und nach der Nummer eins greifen." Das entspricht so recht dem amerikanischen Traum. Immer das Größte, Schönste, Herausragendste. Ein berühmter US-Adrimal hatte mal unzählige seiner Offiziere nach deren Prüfung bei der Militärakademie gefragt: "Why not the best?"

Schon mit dem Bau des Grand Champions-Stadions (10 000 Zuschauer) auf der malerischen Hyatt-Anlage hatte Pasarell vor zwölf Jahren seine Kritiker Lügen gestraft. Der ehemalige US-Profi etablierte Tennis in der Wüste und lockte Spieler und Zuschauer mit einer familiären Turnier-Atmosphäre und einer traumhaften Umgebung an. Es war ein Sommernachtstraum im März. "Aber wir erkannten zuletzt, dass wir dort keinen Platz mehr zum Wachstum haben", erklärt Pasarell. Visionist sowie Drahtzieher des Millennium-Projekts. Als zwei Meilen entfernt vom alten Stadion zufällig Bauland offeriert wurde, schlug der Turnierdirektor sofort zu und ging mit der Agentur IMG eine 50:50-Partnerschaft ein. Dann ging alles schneller als gedacht. Bagger und Baukolonnen wirbelten viel Sand auf, und in gut einem Jahr stand das neueste Kronjuwel im Tennis-Zirkus.

Der 50 Hektar-Komplex bietet 20 Courts, wobei aber erst auf acht gespielt werden kann. Sechs Courts dienen dem Training. Schmuckstück ist das achteckige Stadion, das von der Architekten-Firma "The Rosetti" entworfen wurde. Jener Company, die bereits das Design für das Arthur Ashe Stadion in New York und die Anlage in Key Biscayne (Florida) entwickelte. Die Arena in Indian Wells, die zu einem Drittel unter der Erde liegt, bietet Luxus pur: mit fünf Club Suites, neun Private Suites und 30 Sponsor Suites mit eigenen Restaurants und Bars ist man dem Zeitgeist gefolgt. In den nächsten Jahren sollen noch zwei weitere Stadien (7000 und 4000 Plätze), Trainingscourts, zwei Hotels und ein Entertainment-Center dazukommen. In der turnierlosen Zeit wird die Anlage einen Tennisklub beherbergen sowie Tennis-Akademien ausrichten. Auch Shows und Konzerte sind geplant.

"Diese Anlage wird niemals fertig sein, es wird stets Verbesserungen geben", sagt Pasarell, "aber diesmal habe ich sichergestellt, dass ich ausreichend Platz zum Wachstum habe. Schliesslich weiss niemand, was die Zukunft bringt." Einen Sieg hat der Trendsetter bereits errungen. Pasarell übertraf mit dem Tennis Garden seinen freundlichen Rivalen Butch Buchholz, der jahrelang mit Key Biscayne die Nummer zwei hinter den US Open gewesen war. Jetzt hat Pasarell die zweigrösste Anlage des Landes und aus den Fehlern seines grossen Konkurrenten gelernt. "Die haben in Florida vielzuwenig Toiletten", sagt der Hausherr von Indian Wells, der Gäste beim Rundgang stets stolz an seine 320 stillen Örtchen erinnert. Allein damit dürfte er alle anderen Grand Slam-Arenen sauber abgehängt haben.

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