Sport : Erste Spiele der Neuzeit: Als die Sieger noch beschimpft wurden

Joachim Göres

Dreimal Gold, je zweimal Silber und Bronze - in Deutschland gibt es nur wenige Sportler, die bei Olympischen Spielen so viel Erfolg hatten. 1896 kam Hermann Weingärtner bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit in Athen am Reck, am Barren, an den Ringen, am Seitpferd und im Pferdsprung insgesamt siebenmal unter die ersten drei und war damit erfolgreichster Sportler in Athen - doch in seiner Heimat wurde er nicht als Held gefeiert, sondern als Vaterlandsverräter beschimpft.

"Die deutschen Turner wurden nach ihrer Rückkehr aus dem Deutschen Turnerbund ausgeschlossen und zwei Jahre für alle Wettkämpfe gesperrt. Nationalisten nahmen ihnen übel, dass sie an einem internationalen Wettbewerb teilnahmen, der vom französischen Baron de Coubertin ins Leben gerufen wurde", erzählt Erik Weingärtner aus Winsen/Aller, der Enkel des Olympiasiegers. Frankreich galt damals als Erzfeind Deutschlands. "Ein deutscher Verein oder ein Deutscher, welcher seinem Land die Schmach antut, diese Spiele zu fördern oder zu besuchen, verdient, mit Schande aus seinem Kreise und seinem Volk ausgestoßen zu werden", schrieb 1895 die Rheinisch-Westfälische Zeitung. "Schon damals gab es politische Schwachköpfe", kommentiert Erik Weingärtner.

Nach seiner Pensionierung hat der ehemalige Kunsterzieher die Geschichte seines Opas ausgegraben. In Erik Weingärtners Besitz ist auch die vermutlich älteste erhaltene Olympia-Goldmedaille eines deutschen Sportlers. "Ich würde sie für keinen Preis der Welt verkaufen, aber ihr materieller Wert dürfte nicht besonders hoch sein. Damals waren nämlich die Goldmedaillen aus Silber, die Silbermedaillen aus Bronze, und der Drittplatzierte bekam statt einer Medaille eine Urkunde", erzählt Erik Weingärtner. Auch die Sieger in den Mannschaftswettbewerben erhielten nur eine Urkunde. Gold war 1896 als Symbol der Gewinnsucht verpönt. Dafür wurden die Gewinner mit einem frisch geschnittenen Olivenzweig geehrt, die Zweiten mit einem Zweig aus Lorbeer. Hermann Weingärtner wurde zudem zu einem Essen mit dem griechischen König eingeladen.

Auch sonst war manches anders als heutzutage. Im Barren-Mannschaftswettbewerb standen zehn Barren nebeneinander im Athener Olympiastadion. Hermann Weingärtner und die neun anderen deutschen Turner zeigten ihre vier Minuten dauernden Übungen zur selben Zeit - Synchronturnen. Die Sportler traten 1896 nicht als Vertreter ihres Landes an, sondern trugen in der Regel die Kleidung ihres Vereins. Weingärtner war Mitglied der Berliner Turnerriege, der auch alle anderen deutschen Turner in Athen angehörten. Sie waren ganz im Geiste Turnvater Jahns gekleidet - weiße Trikothemden mit langen Ärmeln, graue einfache Hosen, die sich jeder leisten konnte, damit es keine Standesunterschiede im Turnen gab.

In Berlin ist sein Name auf der Stele der Olympiasieger am südlichen Rand des Olympiastadions verewigt. Vor einigen Jahren hat sich seine Heimatstadt Frankfurt (Oder) an ihn erinnert und eine Straße nach ihm benannt. Kürzlich kam er bei der Wahl zum Sportler des Jahrhunderts in Frankfurt (Oder) auf den fünften Platz. Dort wurde er 1864 geboren, dort arbeitete er zunächst als Verkäufer in einem Lebensmittelladen - "er machte einen Handstand auf dem Tresen und bediente so seine Kunden" - und dort starb er tragisch 1919, als er als Bademeister eine Person vor dem Ertrinken retten wollte.

Wäre er nicht so früh gestorben, wäre Weingärtner mit Sicherheit als Ehrengast zu den Olympischen Spielen 1936 eingeladen worden. Carl Schuhmann und Gustav Flatow, den andern beiden deutschen Turner-Olympiasiegern von Athen, wurde diese Ehre zuteil. Flatows sportliche Erfolge waren bald vergessen: Weil er Jude war, wurde er ins KZ Theresienstadt deportiert, wo er 1945 starb.

Vorteile hatte Weingärtner von seinen herausragenden Leistungen in Athen nicht - wie alle anderen 20 deutschen Olympiateilnehmer musste er Fahrt und Aufenthalt aus eigener Tasche bezahlen. Von den Bedingungen, unter denen die deutschen Olympioniken in diesem Monat in Sydney bei den 24. Olympischen Sommerspielen an den Start gehen, hätte er vermutlich nicht mal zu träumen gewagt. Auch nicht davon, dass man sich heute auch ohne Medaille Hoffnungen auf einen Sponsorenvertrag machen kann. Erik Weingärtner geht das alles zu weit. "Es geht immer nur ums Geld", sagt der Hobbyschwimmer Weingärtner leicht resigniert.

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