Sport : „Es gibt immer Regeln, die man für überflüssig hält“

Herthas Verteidiger Gilberto über deutsche Disziplin, brasilianisches Selbstbewusstsein und Marcelinho

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Gilberto, warum wird Hertha heute gegen Eintracht Frankfurt gewinnen?

Wir spielen zu Hause und werden deshalb mit Sicherheit gewinnen.

Was macht Sie so sicher, wie gut ist Hertha?

Es hat nicht viel Veränderung gegeben. Aber die Mentalität ist eine andere. Wir können an höhere Ziele denken als im Vorjahr. Dafür müssen wir aber härter trainieren.

Was ist das für eine andere Mentalität?

Vor zwei Jahren hatte die Mannschaft keine gute Platzierung gehabt. In der vorigen Saison sind wir dann Vierter geworden. Wir hatten in Marcelinho den Topspieler der Saison. Was sich zu diesem Jahr noch verbessert hat, ist unsere Einstellung. Wir betreten den Platz in dem Bewusstsein, den Gegner schlagen zu können.

Aber Hertha ist nicht die brasilianische Nationalmannschaft.

Das Tolle an der Selecao ist, dass kein Gegner existiert, der ein Problem darstellt. Die Spieler, die auf den Platz gehen, denken nicht ans Verlieren. Alles, was wir tun, tun wir unabhängig von unserem Gegner. Wir spielen unser Spiel. Egal, ob wir gegen Deutschland, England oder Argentinien spielen. Wir ahnen manchmal, dass ein Spiel schwierig werden kann, aber wir wissen immer, dass wir gewinnen können. Das macht die Selecao so stark.

Sie haben im Sommer mit Brasilien den Confed-Cup gewonnen. Was können Sie von diesem Selbstbewusstsein auf Herthas Mannschaft übertragen?

Mit den besten Spielern der Welt zusammenzuspielen, mit Adriano, mit Ronaldinho, ist etwas anderes. Aber den Siegesgeist der Nationalmannschaft kann ich schon in die Mannschaft von Hertha tragen. Es ist die Denkweise, dass man gewinnen wird. Diese Denkweise ist sehr wichtig auf dem Platz, denn sie gibt einem mehr Kraft, man ist dann konzentrierter und besser.

Wie transportieren Sie diesen Geist?

Obwohl ich noch nicht perfekt Deutsch spreche, bin ich aber in der Lage, meine Gedanken sprachlich wiederzugeben. Zumindest gegenüber einigen Spielern.

Sie spielen in der Selecao, Marcelinho dagegen, der beste Bundesligaspieler der vergangenen Saison, spielt dort nicht. Wie denken Sie darüber?

Zwei Dinge dazu. Auf Marcelinhos Position ist die Konkurrenz in der Nationalmannschaft sehr groß. Ich spiele auf einer anderen Position. Andererseits: Marcelinho hat seine Persönlichkeit, und ich habe meine. Was mich zur Selecao gebracht hat, war meine Persönlichkeit. Weil ich meinen Raum und meine Umgebung respektiere. Die Uhrzeit zum Beispiel. Das hat mir sehr geholfen.

Wie sind Sie so geworden?

Das habe ich von meiner Mutter. Als ich sechs Monate alt war, starb mein Vater. Meine Mutter hat uns alles beigebracht. Ich wurde streng erzogen. In einem Haushalt mit acht Kindern muss viel Disziplin herrschen. Heute ist meine Mutter stolz auf Ihre Kinder. Sie freut sich darüber, Menschen mit einem guten Charakter und einem guten Herzen erzogen zu haben. Dafür schenke ich ihr viel Aufmerksamkeit. Ich rufe sie mehrmals in der Woche an. Manchmal gibt es nichts zu erzählen, und ich überlege, Sie nicht anzurufen. Aber dann tue ich es am Ende doch.

Auch in Deutschland wird viel Wert auf Disziplin gelegt...

...ja, hier werden Gesetze genau befolgt. Irgendwann spürt man, dass man in Deutschland ist. Das ist bei uns ganz anders. Das Leben hier ist sehr organisiert, fast alles ist geregelt.

Gibt es eine Regel, die Sie albern oder überflüssig finden?

Es gibt immer Regeln, die man für überflüssig hält.

Zum Beispiel.

In beschränke mich mal auf den Fußball: In Brasilien trainieren wir nur nachmittags.

Weil Brasilianer gern etwas länger schlafen.

Ja, Sie haben wahrscheinlich Recht. Wir trainieren weniger, aber dafür intensiver. Vor dem Spiel am Samstag kann man bis mittags schlafen. Einige stehen erst kurz vor dem Spiel auf, andere sind schon morgens wach.

Hat Ihre Frau Veränderungen bei Ihnen festgestellt, seit Sie in Deutschland leben?

Ich hoffe nicht, ich habe doch nicht meine Persönlichkeit verloren. Meine Persönlichkeit ist es, die es mir ermöglicht, mich an die Regeln in Deutschland zu halten. Ich respektiere Zeiten. Auch in Brasilien war das schon so. Trotz meiner Unpünktlichkeit zum Saisonauftakt vor kurzem. Vielleicht schickt mich Dieter Hoeneß eines Tages weg, weil ich zu schlecht spiele. Aber ich will niemals gehen müssen, weil ich zu viele Probleme neben dem Platz bereitet habe.

Mussten Sie Ihre Frau überreden, nach Deutschland zu ziehen?

Überreden? Nein. Deutschland ist ein sehr angenehmes Land und Berlin eine angenehme Stadt zum Leben. Viele Kulturen sind hier vertreten. Es gibt viele Brasilianer, viele Italiener, Spanier. Zwar vermisse ich meine Freunde und meine Familie, aber ich habe ja meine Religion. Religion ist das, was man selbst glaubt, und dem sollte man treu bleiben. Glaube ist wichtig im Leben, es gibt einem sehr viel Kraft, höhere Kraft.

Jürgen Klinsmann überlegt, für die deutsche Nationalelf einen Pfarrer zu engagieren. Ist das in der Selecao ein Thema?

Nein. Einige von uns sind protestantisch, andere katholisch. Manchmal unterhalten wir uns mit einem Psychologen. Diese Gespräche helfen einem über Probleme hinweg. Gerade ist der Großvater meiner Frau gestorben. Er war schon bei meiner Abreise sehr krank. Er war ein sehr liebevoller Mensch. Das ist traurig, nur muss ich trotzdem weitermachen mit der Arbeit. Damit kann ich meinen Angehörigen am besten helfen.

In Brasilien sind Sie ein Star. Wie gehen Sie damit um?

Ich versuche, bescheiden zu bleiben. Menschen, die mich kennen, wissen, dass das alles keine Veränderung in mir bewirkt hat.

Wie bewegen Sie sich in Rio de Janeiro, Ihrer Heimat? Haben Sie Bodyguards?

Nein, ich bin doch der alte Gilberto. Viele wollen mich umarmen, mich unbedingt berühren. So sind die Brasilianer, das finde ich o.k.

Das wird Ihnen in Deutschland so nicht passieren, oder?

Vor einiger Zeit habe ich in einem Restaurant zu Mittag gegessen. Da haben ein paar Hertha-Fans etwas gefeiert. Dann kam einer von ihnen zu mir herüber und hat sich an meinen Tisch gestellt. Er wollte dort so lange warten, bis ich mit dem Essen fertig bin. Erst dann wollte er sich ein Autogramm holen. „Was ist denn los? Möchtest du ein Autogramm?“, habe ich ihn gefragt. Natürlich wollte er eins. „Ist doch kein Problem“, habe ich gesagt und ihm eins gegeben.

Was bedeutet es Ihnen, in der Selecao zu spielen?

Das ist der Höhepunkt in der Karriere eines Fußballers, das ist der größte Moment. Die Selecao ist wie ein riesiger Berg, den man mühsam erklimmen muss. Seit ich elf Jahre alt bin und mit dem Fußball begann, war das mein Ziel. Das können nur 22 Spieler. Und ich bin einer davon. Es ist eine große Ehre.

Haben Sie deshalb beim Confed-Cup Ihr Nationaltrikot nicht getauscht?

Für mich hat das Trikot einen unvorstellbaren Wert, es ist eine besondere Prämie. Nicht nur für mich, sondern auch für meine Familie. Sie gibt mir die Kraft, hier zu sein und meine Leistung zu bringen.

In Brasilien kann fast jedes Kind fantastisch kicken. Wie kann man sich bis zur Nationalmannschaft durchsetzen?

Es gibt Zeiten, in denen muss man auf sein Talent zählen, und manchmal braucht man das Glück. Diese Kombination, zusammen mit Ausdauer und Professionalität, verhilft einem in die Nationalelf.

In welchem Alter haben Sie gemerkt, dass Sie Fußballprofi werden können?

In Brasilien funktioniert das Fußballsystem etwas anders als in Deutschland. Bei uns ist es für alle Kinder Pflicht, in der Halle auf Parkettboden zu spielen. Dort steht die Technik im Vordergrund. Mit 13 oder 14 geht es dann auf das große Feld. Das Kind hat also schon eine grobe Ahnung, wie Fußball funktioniert. Danach, auf dem Großfeld, wird dann gesichtet, wer ist wirklich talentiert. Vielleicht ist das ja auch was für Deutschland.

Die deutsche Nationalmannschaft hat eine besondere Rivalität mit Holland. Welchen großen Rivalen hat Brasilien?

Zweifelsohne Argentinien. Ich denke, Argentinien ist ein wunderbares Land, und es ähnelt Brasilien. Auf dem Platz stehen zwei Mannschaften, die vom Verhalten her ähnlich sind. Ich glaube, die Rivalität ist in Argentinien entstanden, weil sie uns unbedingt schlagen wollen, es aber lange nicht geschafft haben.

Wenn Deutsche an die Rivalität mit Holland denken, haben sie die Szene im Kopf, in der Frank Rijkaard Rudi Völler anspuckt. Gibt es eine Szene, die die Rivalität zwischen Brasilien und Argentinien verkörpert?

Bei uns spricht man von Pelé und Maradona. Wer ist der Bessere? Diese Frage wird ständig diskutiert. Pelé ist gekürt als Athlet des Jahrhunderts, er ist der größte Torschütze weltweit. Für die Argentinier ist Maradona eine Religion, ist wie ein Gott. Ich denke, das beschreibt es.

Der brasilianische Fußball steht für Spielfreude. Andererseits haben die Ergebnisse eine enorme Bedeutung für das Selbstwertgefühl Ihrer Landsleute ...

... das muss kein Widerspruch sein. Fußball ist schon lange kein Spiel mehr. Die Fans bestehen darauf, dass wir jedes Spiel gewinnen. Wir haben viel Verantwortung. Aber unsere Nationalmannschaft ist eine der wenigen Mannschaften, die die Spielfreude dadurch nicht verloren hat.

Das Gespräch führten Michael Rosentritt und Ingo Schmidt-Tychsen. Übersetzung: Alcir Pereira.

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