Sport : „Es kommt vor, dass ich einen Spieler bestrafe“

Vor der Fußball-EM: Portugals Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari über seine Heimat Brasilien, notwendige Fouls und die Abneigung gegen schönes Spiel

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Herr Scolari, vor zwei Jahren sind Sie als Nationaltrainer Brasiliens Fußballweltmeister geworden. Hat das Ihr Leben verändert?

Nein, nicht wirklich. Ich habe mehr oder weniger die gleichen Freunde wie vorher und versuche, so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie zu verbringen. Nur werde ich als Person jetzt anders behandelt. Auch die sozialen Verpflichtungen haben zugenommen.

Nach der WM sind Sie nach Portugal gegangen. Wie kommen Sie denn hier zurecht?

Zunächst einmal habe ich versucht, mich auf die Menschen einzustellen. Wenn ich jemanden verletzt haben sollte, dann nur, um am Ende eine harmonische Einheit zu formen. Der portugiesische Fußball ist dem brasilianischen sehr ähnlich – er ist ausgesprochen technisch, und die Spieler arbeiten gut am Ball. Auch kulturell sind die Unterschiede zu meiner Heimat nicht allzu groß – wir sprechen die gleiche Sprache, haben ähnliche Gewohnheiten, und das Wetter ist ungefähr so wie in der Gegend in Brasilien, aus der ich komme. Heimweh habe ich jedenfalls nicht. Es ist ja auch nicht das erste Mal, dass ich im Ausland tätig bin. Schon am Anfang meiner Trainerlaufbahn war ich je drei Jahre in Japan und Kuwait.

In Ihrer Heimat sind Sie schon als „Rüpel“, „Rohling“ und sogar als „ungehobelter Typ aus der Provinz“ bezeichnet worden. Woher in Brasilien kommen Sie eigentlich?

Geboren wurde ich in Passo Fundo, einer Stadt mit rund 250 000 Einwohnern im Landesinneren des Bundesstaates Rio Grande do Sul, ganz im Süden Brasiliens. Man kann sagen, dass ich ein Mensch vom Lande bin. Aufgewachsen bin ich auf einer Fazenda, einer Farm, außerhalb der Stadt. Als Fünfzehnjähriger bin ich dann mit meiner Familie nach Porto Alegre gezogen, der Hauptstadt von Rio Grande do Sul.

Man sagt, im Süden Brasiliens werde ein anderer Fußball gespielt als sonst im Lande.

Nach brasilianischen Vorstellungen stimmt das. Bei uns ist es im Winter ziemlich kalt. Es gibt viel Regen, und die Plätze sind häufig voll mit Schlamm. So braucht man eine gute physische Konstitution zum Fußballspielen.

In Ihrer aktiven Zeit als Fußballer sollen Sie ein unerbittlicher Verteidiger gewesen sein.

Ich war ein Innenverteidiger, dessen technische Möglichkeiten beschränkt waren. Dafür war ich sehr kräftig, habe meinen Körper eingesetzt und hatte ein gutes Stellungsspiel. Darum war ich auch ein wichtiger Spieler für die Mannschaft. Man hat mich immer respektiert.

Und wo haben Sie Ihre Trainerlaufbahn begonnen?

Beim CSA, dem Centro Sportivo Alagoano, einem Verein in Maceió, der Hauptstadt von Alagoas. Das liegt am anderen Ende von Brasilien im Norden. Der CSA war der Klub, bei dem ich auch zuletzt gespielt habe. Später habe ich mit Grêmio Porto Alegre und Palmeiras São Paulo viele Titel gewonnen.

Und das, obwohl Sie nicht gerade als Verfechter des spielerischen brasilianischen „futebol arte“ bekannt sind.

In Brasilien wird gern über die Schönheit beim Fußball geredet. Ich bin jemand, der das ein bisschen anders sieht. Wenn man mit schönem Spiel gute Ergebnisse erzielt – wunderbar! Aber meistens muss man für den Erfolg hart arbeiten. Fußballspielen ist wie ein Unternehmen führen: Die Bilanz muss stimmen. Ich arbeite nach dem Prinzip: erst das Ergebnis, dann die Schönheit.

Sie haben einmal gesagt: „Banditen gehören zum Fußball, Engelchen in den Himmel.“ Das hört sich nicht gerade nach Fairplay an.

Fußball ist ein Wettkampf. Um zu gewinnen, muss man auch um den Ball kämpfen. Ich wollte damit sagen: Es geht beim Fußball allein darum, besser als der andere zu sein.

Ihnen wird nachgesagt, dass Sie ihre Spieler gelegentlich zu absichtlichen Fouls anregen.

Ich glaube, dass Fouls eine ganz normale Sache im Fußball sind. Und der Schiedsrichter ist dazu da, solche Aktionen entsprechend zu ahnden. Foulspiele – ich rede von solchen, die ohne die Absicht erfolgen, den Gegenspieler zu verletzen – sind in gewissen Situationen ein notwendiges Hilfsmittel. Die Mehrheit der Trainer mag darüber in der Öffentlichkeit nicht reden. Doch was sie den Zeitungen nicht sagen wollen, das sagen sie ihren Spielern.

Sie nehmen kein Blatt vor den Mund. Nennt man Sie darum „Sheriff Felipão“?

Die Bezeichnung stammt aus der Zeit, als ich noch Spieler war. Damals gab es noch keine Gelben Karten, und die Zweikämpfe wurden mit viel Körpereinsatz geführt. Außerdem ist für mich Disziplin bei den Mannschaften, die ich trainiere, das Wichtigste. Es kommt vor, dass ich einen Spieler bestrafe, weil ich gewisse Dinge nicht akzeptiere. In Brasilien nennen mich einige Leute „Sheriff Felipão“, andere „Sergeant“, na und?

Sie gelten als Trainer, der Wert auf mannschaftliche Geschlossenheit legt und keine Spieler mag, die zu Extravaganzen neigen.

Mein Prinzip lautet: Ein gut aufgeräumtes Haus legt den Grundstein für einen Sieg. Es gibt viele, die sagen, ein großartiger Sturm könne jede Abwehr bezwingen. Ich glaube, dass man mit einer gut geordneten Verteidigung die besseren Chancen hat, ein Spiel zu gewinnen. Bei mir muss auch ein Genie für die Gruppe arbeiten. Es ist doch so: Wenn man einen Sieg erringt, hat nicht nur einer gewonnen, sondern alle gemeinsam. Darum zählt für mich die Gemeinschaft mehr als die Individualität eines einzelnen Spielers.

Mit den Portugiesen trainieren Sie jetzt eine Mannschaft, die beides vereint – Individualisten, die gut zusammen spielen. Nur ist die „goldene Generation“ um Luis Figo und Rui Costa in die Jahre gekommen. Ist das ein Problem?

Einige meiner Spieler sind nicht mehr die Jüngsten, das ist richtig. Aber Erfahrung ist auch immer ein Vorteil. Für die älteren Spieler ist die Europameisterschaft die letzte Möglichkeit, einen internationalen Titel zu gewinnen. Wir spielen zu Hause und haben einige junge Talente in der Mannschaft, zum Beispiel Christiano Ronaldo von Manchester United. Er muss zwar noch viel lernen, aber er hat das Zeug dazu, ein Großer zu werden. Ich denke, dass wir mit dieser Mischung eine Chance haben, Europameister zu werden.

Die Portugiesen haben den Ruf, sie würden schön kombinieren, aber am Ende die Tore vergessen.

Unser größtes Problem ist tatsächlich, dass wir oft sehr gut spielen, aber nur wenige Tore machen. Deshalb machen wir beim Training viele Schussübungen. Nachdem wir Tore erzielt haben, kann die Mannschaft dem Publikum meinetwegen zeigen, wie schön sie spielen kann. Aber nicht vorher!

Die EM-Vorbereitungsspiele Portugals waren nur mäßig erfolgreich. War es ein Fehler, dass Sie einige von der Öffentlichkeit geforderte Spieler nicht aufgestellt haben – so wie Vítor Baía, die Torhüterlegende vom FC Porto?

Was weiß ich. Wenn ich mich danach richten würde, was die Medien fordern, dann müsste ich 120 Spieler aufstellen, jeder Journalist hat doch mindestens einen Spieler, den er mag und gerne in der Nationalmannschaft sähe. Aber der Trainer, der dazu verpflichtet wurde, die Mannschaft nach seiner Philosophie aufzustellen, bin schließlich ich.

Das Gespräch führte Ole Schulz.

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