Sport : Es war einmal ein Maradona

Der SSC Neapel steht vor der Auflösung

Vincenzo Delle Donne

Neapel - Der kleine untersetzte Herr, der stets ein Lächeln auf den Lippen hat, hatte eine sonderbare Marotte. Wenn Superstar Diego Maradona spielte, wohnte Corrado Ferlaino dem Spiel seiner teuren Mannschaft auf einer Bank hinter dem gegnerischen Tor bei und bejubelte jedes Tor frenetisch – bei Wind und Wetter. Zwischen 1987 und 1992 gab es viel zu bejubeln. Es war die Glanzzeit des SSC Neapel, der zwei nationale Meistertitel und den Uefa-Cup gewann, was die Stadt am Vesuv in einen Ausnahmezustand versetzte.

Der Klub stahl den großen Traditionsvereinen aus dem Norden des Landes für einige Jahre die Schau, Präsident Ferlaino bezahlte das Spektakel um Diego Maradona. Doch dann veräußerte er den Klub und der sportliche und wirtschaftliche Niedergang setzte ein. Jetzt droht dem Verein, der einst 70 000 Dauerkarten pro Saison verkaufte, sogar das Aus.

In Italien bekommen viele Vereine trotz hoher Schulden eine Lizenz für den Profifußball, aber dem SSC Neapel verweigert der Verband jetzt die Lizenz für die Zweite Liga. Der Verein hat über 70 Millionen Euro Schulden, vor dem neapolitanischen Zivilgericht läuft ein Konkursverfahren. Als Retter in der Not erscheint derweil nur der Römer Luciano Gaucci. Der Eigner des Zweitligisten AC Perugia unterschrieb mit den Gesellschaftern des Klubs eine Art Leasingvertrag, um den SSC Neapel in der Zweiten Liga zu halten. Von Gauccis abstrusem Übernahmeangebot will der Ligaausschuss indes nichts wissen. Eine Klage auf Zulassung für die Zweite Liga vor dem römischen Verwaltungsgericht wurde abgelehnt. Das Gericht ließ sich auch nicht von einer Massendemonstration neapolitanischer Tifosi beeinflussen. 40 000 Fans strömten ins Stadio San Paolo unter dem Motto „Neapolitanischer Stolz“.

Die Tifosi vermuten, dass hinter den Kulissen auch der ehemalige Präsident Ferlaino wieder mitmischt. Wenn man dessen Worten Glauben schenkt, ist er von seiner Fußballleidenschaft aber kuriert: Bombenattentate wurden auf seine Villa verübt, seine Autos wurden angesteckt, die Familienkapelle auf dem Friedhof wurde mit Drohungen beschmiert. „Schuld daran sind die Gerüchte um meine Rückkehr“, sagt Ferlaino, „die Camorra möchte das nicht. Aber die Warnung war unnötig. Denn ich will mit dem Fußball nichts mehr zu tun haben.“ Die Camorra, das hier so genannte organisierte Verbrechen, soll den Klub angeblich durch Wettmanipulationen mit in den Ruin gestürzt haben.

Von den Überresten des SSC Neapel wird im 78. Vereinsjahr kaum etwas übrig bleiben. Ferlaino warnte den Fußballverband bislang vergeblich. „Ich verstehe, dass gewisse Regeln eingehalten werden müssen. Aber man wird sehr viel Mut aufbringen müssen, um einen großen Klub wie Neapel draußen zu lassen, ihn auszulöschen“, sagte der einstige Baulöwe. Seine Worte hörten sich wie eine Drohung an.

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